Wir mit unseren Forderungen wie "Demokratisierung"
und "Verteilergerechtigkeit"!
Ehemaliger deutscher Botschafter in China klärt den Westen
über seine Kardinalfehler gegenüber China auf
Im Rahmen des Forums "Kultur und Wirtschaft" in der Mainzer Volksbank überging der
Diplomat im Ruhestand
Konrad Seitz ohne weiteres das Thema Kultur. Ihm ging es vielmehr
um die Rolle der Wirtschaft für die Weltmacht China. Zunächst war er darauf bedacht, mit
harten Zahlen und Fakten zu belegen, dass China mit seiner ungebändigten Wirtschaftskraft
die europäischen Länder und die USA längst hinter sich gelassen habe.
Anhand der Beispiele
Stahlproduktion und Bekleidungsindustrie warnte er davor, chinesische Produkte als "Billigware"
abzutun. China sei "vollgepflastert mit den modernsten Fabriken", nicht zuletzt dadurch,
dass in den 90er Jahren China die westlichen Industrienationen zu Investitionen auf dem
riesigen chinesischen Markt eingeladen und das Know-how nach und nach in nationale Betriebe
übernommen habe.
Heute nehme China anderen Ländern die Aufträge weg, bestimme die
Preise und so indirekt auch die Löhne auf dem Weltmarkt mit. Hauptgefahr für die nahe
Zukunft, wenn nicht sogar einen wirtschaftlichen Crash, sieht Seitz bei der Autoindustrie, denn
auch hier seien – nicht zuletzt dank deutscher Zulieferer – hochwertige Produkte zu
konkurrenzlos niedrigen Preisen zu erwarten.
"Wenn wir weiterhin so schön moralisch sind ..."
Wenn China jetzt angesichts der explodierenden Rohstoffpreise "simple Geschäfte mit
afrikanischen Staaten" macht, - Seitz nannte als Beispiel Ölförderrechte in Angola gegen
Straßenbau -, hinderten sich westliche Länder selbst auf diesem Markt durch Forderungen wie
Demokratisierung oder Verteilungsgerechtigkeit. Originalton Seitz: "Wenn wir weiterhin
so schön moralisch sind, bekommen wir ein chinesisches Afrika." Reaktion einer aufgebrachten
Zuhörerin aus dem Publikum zu diesen Thesen war das allbekannte Zitat aus Bertolt Brechts
"Dreigroschenoper": "Erst kommt das Fressen und dann die Moral."
Wenn jetzt ein Wirtschaftspolitiker vorschlägt, statt Olympiaboykott sei es wirkungsvoller,
Zulieferungen und ähnliche Hilfen nach China für eine Weile einzustellen, so muss man dazu
skeptisch anmerken, dass es dazu angesichts der divergierenden Interessen der europäischen
Länder sicher nicht kommen würde und dass dieser Vorschlag sowieso ein bisschen zu spät kommt (siehe oben).
Konrad Seitz war in den 1990er Jahren deutscher Botschafter in Peking. Sein Buch "China –
eine Weltmacht kehrt zurück" erschien 2000 und rangierte sofort auf der Liste der zehn weltweit
wichtigsten Sachbücher über Wirtschaft. Heute, sagte Seitz, würde er den Titel in "Die chinesische
Weltmacht ist da" umändern.
(zi, 11.04.2008)
Quelle: Rottraut Hock, Allgemeine Zeitung Mainz vom 10.04.2008
Konrad Seitz
China. Eine Weltmacht kehrt zurück
China war über den größten Teil unserer Zeitrechnung hinweg nicht nur das bei weitem bevölkerungsreichste
Land und die größte Volkswirtschaft der Erde, sondern die technologisch und administrativ fortgeschrittenste
Zivilisation. Im neunzehnten Jahrhundert versank das Land in tiefe Armut und wurde Halbkolonie des Westens,
Russlands und Japans. Im zwanzigsten Jahrhundert folgten die Schrecken der Mao-Zeit.
Aber seit Dengs Reform 1978
ist China die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt. Seine Wirtschaft ist heute fast doppelt so groß
wie die Indiens und Russlands zusammen und übersteigt nach die Kaufkraftparität Japans. Setzt China seinen Aufstieg
fort, wird es um 2035 die USA überholen. Der Autor erzählt von der jahrtausendealten Geschichte Chinas und seiner
"vollendeten Zivilisation", vom Zusammenbruch der konfuzianischen Welt und der Verzweiflung der Chinesen an ihrer
eigenen Kultur, von der Geburt des neuen China. (Siedler Verlag)
Siedler Verlag (Random House), München, 2000.
Goldmann Taschenbuch Verlag, München, 2006.
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