Gestörte Feier
Protest bei der Entzündung des Olympischen Feuers
in Olympia von chinesischen Medien ausgeblendet
Live-Übertragungen kommen in China mit einer kleinen Verzögerung auf die Bildschirme ? Zeit genug, dass
der Zensor sich einschalten kann. Dass drei Protestler in den durch ein starkes Aufgebot griechischer Polizei
dicht abgeriegelten "heiligen Bezirk" in Olympia eindringen und die pathetische Zeremonie kurz stören konnten,
bekamen chinesische TV-Zuschauer nicht zu sehen - wohl aber die ganze Welt.
Zwei der Mitglieder von
Reporter ohne Grenzen (ROG) wurden zwar gleich von der Polizei überwältigt, als
sie ihre Protestbanner entrollten, und vom Schauplatz entfernt. Der dritte schaffte es jedoch, hinter den
chinesischen Festredner zu gelangen und, mitten in die "feierliche" propagandistische Rede hinein, über dessen
Kopf sein Banner in die Kameras zu halten. Alle Welt sah etwa eine halbe oder ganze Minute lang das einprägsame
Emblem der bereits länger laufenden ROG-Protestkampagne, die fünf olympischen Ringe als Handschellen.
Verbale Attacken gegen westliche Medien
Nicht nur, dass die in vielen Ländern andauernden Proteste der chinesischen Bevölkerung verheimlicht werden -
die chinesischen Medien richten massive Angriffe gegen westliches Fernsehen und die westliche Presse. Sie
bezichtigen sie der einseitigen Berichterstattung gegen China. Wenn es nach der offiziellen chinesischen Lesart
ginge, dürften auch im Westen nur die Ausschreitungen der Tibeter gegen Chinesen gezeigt oder berichtet werden.
In der chinesischen Berichterstattung firmieren die protestierenden Tibeter insgesamt als kriminelle Unruhestifter,
die gewalttätig gegen ethnische Chinesen vorgehen. Mittlerweile wurden die letzten beiden ausländischen
Korrespondenten, eine deutsche Journalistin und ein deutscher Journalist, aus Tibet ausgewiesen. Wenn in China
nur das Wort "Tibet" in die Yahoo-Suchmaschine eingegeben wird, ist sofort die Verbindung gekappt.
Die Griechen wollen die Protestler vor den Kadi bringen
Die zunächst in Olympia festgenommenen drei Journalisten wurden später gegen Kaution wieder freigelassen.
Die Griechen wollen ihnen aber am 29. Mai wegen "Verletzung nationaler Symbole" den Prozess machen. Nach dem
dafür herangezogenen Artikel 361 des griechischen Strafgesetzes könnte ihnen ein Jahr Gefängnis und eine
Geldstrafe drohen.
Reporter ohne Grenzen wehren sich dagegen. Sie bezeichnen es als eine "absurde Anklage". Weder sei mit
der Aktion der Olympische Geist noch Griechenland angegriffen worden. Der Protest habe sich einzig dagegen
gerichtet, dass die chinesische Regierung nach dem Olympischen Feuer, einem Symbol des Friedens, greife,
während die Repressionen in dem Land zunähmen. "Menschenrechte sind heiliger als das Olympische Feuer", heißt es
in ihrer diesbezüglichen Presseerklärung.
(zi, 25.03.2008)
Quellen: Peking/dpa, Reporter ohne Grenzen vom 25.03.2008)
Menschenrechte heiliger als das Olympische Feuer (03/2008) -
www.reporter-ohne-grenzen.de
Demonstranten sind wieder auf freiem Fuß (03/2008) -
www.welt.de
Zahlreiche Proteste begleiten die Zeremonie (25.03.2008) -
www.dw-world.de
 |
Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Jiabao vor der Presse, Peking
|
Pressefreiheit
Chinabesuch der Kanzlerin mit sehr
unterschiedlicher Themenpalette
Sorge um Pressefreiheit "in diplomatische
Worte gekleidet"?
Treffen mit Publizisten "an geheimem Ort"
Als Vorreiter war Guido Westerwelle in Peking. "Man setzt auf Deutschland, man rechnet mit Deutschland und man
schätzt Deutschland", resümierte er. Die Geschäfte mit China laufen gut. Und in der Außenpolitik zog China mit
dem Westen in den vergangenen Monaten mehr oder weniger an einem Strang. Aber kann der Westen auf bestimmten anderen
Gebieten auch mit China rechnen?
Wie immer bei einer Reise in ein Problemland werden die Gespräche mit den führenden Politikern, Chinas
Ministerpräsident Wen Jiabao und Staatspräsident Hu Jintao, den Charakter eines gewissen Balanceaktes haben.
Zwei kritische Themenkomplexe will Angela Merkel unter anderem ansprechen: das Klimaproblem bzw. Chinas Einstellung dazu
und die Lage der Meinungs- und Pressefreiheit. Zunächst hat sie ein auf Jahre angelegtes deutsch-chinesisches
Kulturaustauschprojekt eröffnet.
Amnesty International gab der Kanzlerin ihre große Sorge wegen der "nach wie vor katastrophalen Menschenrechtslage"
mit auf den Weg. Je näher die Olympischen Spiele in Peking rückten, desto größer werde auch die Gefahr des
bedrohlichen Vorgehens der Behörden gegen Journalisten. Angela Merkel wolle sich, nach offizieller Verlautbarung,
das Thema der Pressefreiheit in Peking auch zur Sprache bringen. In einer dpa-Verlautbarung heißt es: "Vermutlich
wird sie ihre Sorgen dabei eher in diplomatische Worte kleiden." Wir hoffen nur, dass diese nicht zu sehr
diplomatisch eingekleidet sind.
Immerhin sei auch, wie es heißt, ein Treffen Merkels mit Publizisten "an einem noch geheimen Ort" geplant, was
wie nach einem "konspirativen Akt" aussehen könnte, aber "schon etwas wie Symbolcharakter habe".
(j.z., 28.08.2007)
Quellen: dpa / Ulrich Scharlack und Andreas Landwehr / Allgemeine Zeitung Mainz vom 27.08.2007
Rituelle Appelle? - Merkels China-Reise und die Menschenrechte (05/2007) -
www.dw-world.de
Traum oder Alptraum?
Olympia-Motto ruft vermehrt Widerspruch hervor -
Jetzt erst recht keine Chance für die Pressefreiheit
"Eine Welt, ein Traum" lautet das offizielle Motto für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking, das heute mit
einer bombastischen Eröffnungszeremonie auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" unseligen Angedenkens zelebriert
wurde. Wenn auch mit dem Motto die Spiele
gemeint sein sollen, lässt sich das von den übrigen Aspekten, die
China als Ausrichter und Gastgeber der Spiele bieten, nicht säuberlich abtrennen.
Für viele wird der Traum zum Alptraum
Für Menschen verschiedenster Gruppierungen erscheint der "Traum" vielmehr als Alptraum.
Da sind die störenden Einwohner von Peking, die man zur "Verschönerung" des
Stadtbildes oder weil ihre Wohnareale den ehrgeizigen Bauprojekten für die Olympiade weichen mussten,
einfach "weggeräumt" hat, teilweise mit brutaler Gewalt, und ohne angemessene Entschädigung.
Da sind die Bauarbeiter, die auf diesen Baustellen für geringe Löhne und oft auch ohne soziale Absicherung und
ohne die Möglichkeit, sich in Gewerkschaften zu organisieren, arbeiten.
Da ist unter anderen der Systemkritiker, der in ausländischen Nachrichten über die Lage berichtete,
nachdem er schon neunzig Tage von Geheimdienstlern in seiner Wohnung förmlich belagert
und seine schwangere Frau beim Einkaufen belästigt und bedroht wurde.
Da ist die Gruppe der 40 prominenten
Bürgerrechtler, Professoren, Anwälte, Journalisten und Schriftsteller, die einen eindringlichen, mutigen Appell an
ihre Regierung und die Welt richten. "Ohne ein Ende der Unterdrückung politisch abweichender Meinungen ist es auch sinnlos, über einen 'Traum'
für ganz China zu sprechen", heißt es darin. Sie wollten, im Gegensatz zu der offiziellen Politik, die Spiele nicht
politisieren. Aber die Spiele auf eine Weise durchzusetzen, die gegen die Menschenrechte verstoße und jene verletze,
die zum Schweigen gezwungen würden, sei nur geeignet, die Krise in China noch zu verschärfen.
Auch ausländische Journalisten betroffen
Aber auch für ausländische Journalisten in China kann es jetzt noch ungemütlich werden als es ohnedem in dem Land ohne
wirkliche Pressefreiheit schon ist; es gab bereits akute Drohungen wegen kritischer Töne auch in dieser Richtung.
Internationale Organisationen, die sich für die Informationsfreiheit und den Schutz von Journalisten einsetzen,
haben längst Protest erhoben. Menschenrechtsorganisationen stellen fest, dass Chinas Regierung ihre
bei der Vergabe der Spiele an Peking 2001 gegebenen Versprechen zur Verbesserung der Menschenrechtssituation und
der Gewährleistung der Pressefreiheit für in- wie ausländische Journalisten nicht erfüllt habe.
Erwartungen an IOC ebenfalls nicht erfüllt
Die Erwartungen an das Internationale Olympische Komitee (IOC) erfüllten sich ebenfalls nicht. Statt deutlicher
und entschiedener Worte an die Verantwortlichen in China kamen eher ausweichende Aussagen wie, das IOC sei schließlich
nur eine Sportorganisation und "keine Regierung" und die Spiele könnten "als Kraft für das Gute" auch die Menschenrechte
und soziale Entwicklung fördern (Jacques Rogge, Vorsitzender des Internationalen Olympischen Komitees).
Der Vorsitzende des Deutschen Olympischen Komitees meinte, man könne nicht jetzt von der Sportorganisation Dinge
erwarten, die die internationale Politik und die Vereinten Nationen in vielen Jahrzehnten nicht geschafft hätten.
(j.z., 08.08.2007)
Quellen: dpa / Andreas Landwehr / Allgemeine Zeitung Mainz vom 08.08.2007
Analyse: Olympia unter Chinas rote Flagge (08/2007) -
www.rga-online.de
Olympia 2008: China trumpft auf (08/2007) -
www.n-tv.de
Olympia 2008: Countdown für die Menschenrechte in China (08/2007) -
www.amnesty.de
Olympics countdown - human rights abuses risk blighting ... (08/2007) -
www.amnesty.org
Zwangsumsiedlung im Namen der Ringe (06/2007) -
www.dw-world.de
People's Republic of China - The Olympics countdown (04/2007) -
Amnesty International (pdf)
Reporter ohne Grenzen nehmen IOC wegen
der Olympiade 2008 in die Pflicht
Offener Brief an IOC-Präsident Rogge -
Start der Kampagne "Peking 2008"
Der IOC-Präsident Jacques Rogge sollte angesichts der hohen Bedeutung, die Regierung und Partei in China den
Internationalen Spielen beimessen, mit entschiedenem Auftreten den zum Teil hochrangigen chinesischen
Vertretern klarmachen, dass "die Geringschätzung gegenüber der internationalen Gemeinschaft inakzeptabel" sei.
Schon bei der Versammlung der gesamten Olympischen Gemeinschaft in Guatemala City müsse sich das IOC im
Hinblick auf die Spiele 2008 klar gegen die Unfreiheit in China aussprechen. - Das IOC tagte vom
4. bis 7. Juli 2007.
Wieweit die Forderungen der Menschenrechtsorganisation bei den Verantwortlichen für die Olympischen Spiele Gehör
gefunden haben, wissen wir nicht.
Dabei ging es nicht nur um die versprochene, aber bisher nicht eingelöste Gewährung der Presse- und
Meinungsfreiheit und Einstellung der Zensur, sondern auch um Freilassung der an die hundert inhaftierten
Journalisten und Internet-Dissidenten. In dem Brief an Rogge hieß es: "Überall in der Welt wächst die
Besorgnis über die Austragung dieser Olympischen Spiele, die in Geiselhaft genommen werden von einer Regierung,
die sich weigert, Meinungsfreiheit zu garantieren und die humanistischen Werte der Olympischen Spiele zu
respektieren."
Reporter ohne Grenzen starteten am 28. Juni 2007 ihre Kampagne "Peking 2008". Bilder und Internetbanner zeigen
die Olympischen Ringe als Handschellen und sollen auf die beharrliche Weigerung der chinesischen Regierung
aufmerksam machen, Presse- und Meinungsfreiheit zu gewähren sowie die rund 100 inhaftierten Journalisten und
Internetdissidenten frei zulassen.
Bilder und Internetbanner können von der internationalen ROG-Website heruntergeladen werden. Zudem wurden
dort neun Empfehlungen der Organisation für die Olympischen Spiele in Peking veröffentlicht.
(j.z., 18.07.2007)
Quelle: Reporter ohne Grenzen vom 28.06.2007
Weitere Informationen
China, die Olympischen Spiele und die Menschenrechte (12/2007) -
www.amnesty.de
Olympia-Kritiker Gao Zhisheng in China "verschwunden" (10/2007) -
www.amnesty.de
Köhler soll in Peking deutlich für die Menschenrechte eintreten (05/2007) -
www.igfm.de
Dank Cisco und Google ins Laogai? (05/2007) -
www.igfm.de
Amnesty International: Menschenrechte in China verletzt (04/2007) -
www.heute.de
Günter Nooke: Meinungs- und Pressefreiheit sind Grundpfeiler ... (03/2007) -
www.igfm.de
Merkel für kritischen Umgang mit China (05/2006) -
www.dradio.de
Keine Fortschritte in der Menschenrechtspolitik mit China (02/2006) -
www.dw-world.de
China (Amnesty International Jahresberichte) -
www.amnesty.de
Zum Seitenanfang