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Länderberichte, © Amnesty International Länderberichte
China


AI-Aktion in Berlin: Für die Freilassung von Shi Tao, 24.08.2007, Foto: ©: Amnesty International


AI-Kampagne Gold für Menschenrechte, Foto: ©: Amnesty International AI-Kampagne
Peking 2008


EinSatz für die Menschenrechte, Amnesty International
AI-Kampagne


China Internet-Zensur
in China


Shi Tao, Foto: ©: Chinese Pen Center/Amnesty International RSF-Appell:
Shi Tao


China Olympia 2008



 
Themengruppe 2907, Amnesty International
 


China

Nationalflagge Volksrepublik China


Shi Tao, Foto: ©: Chinese Pen Center/Amnesty International

Dichter und Journalist Shi Tao


Shi Tao

Chinesischer Dichter und Journalist wegen einer
E-Mail zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt

Eine E-Mail veränderte Shi Taos Leben. Am 27. April 2005 wurde der chinesische Journalist und Dichter von einem chinesischen Gericht wegen der "Weitergabe von Staatsgeheimnissen" zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.

Die Direktive der Kommunistischen Partei Chinas

Ein Jahr zuvor, am 20. April 2004 hatte Shi Tao, der damals bei der Zeitung "Dangdai Shangbao" in Changsha arbeitete, eine Redaktionssitzung besucht. Mittelpunkt dieser Sitzung war eine Direktive der Kommunistischen Partei Chinas über das Verhalten im Vorfeld des 15. Jahrestages der Demonstrationen am Tiananmen-Platz.

Diese Direktive warnte vor möglichen Aufständen und der Infiltration durch "demokratische Kräfte" und feindliche ausländische Elemente in der Zeit um den Jahrestag. Die Medienvertreter wurden angewiesen, „die öffentliche Meinung korrigierend zu beeinflussen“ und „keine Meinungen, die der zentralen Politik zuwider liefen, zu veröffentlichen“. Weiterhin sollten sie alle Kollegen, die verdächtige Kontakte mit „demokratischen Elementen aus Übersee“ unterhielten, bei den Behörden zur Anzeige bringen.

Shi Tao schrieb die Inhalte der Sitzung mit und sandte von seinem Büro aus über seine private Mailadresse eine Zusammenfassung der Direktive an Hong Zhesheng, einen Mitarbeiter der "Asia Democracy Foundation" mit Sitz in New York. Zhesheng ist Chefredakteur der Website "Democracy Forum" und des elektronischen "Democracy Newsletter". Um anonym bleiben zu können, gab Shi Tao als Absender den Zahlencode "198964" an. Am selben Tag wurde seine Zusammenfassung unter eben diesem Pseudonym im "Democracy Forum" veröffentlicht, an den Folgetagen auch auf den ausländischen Webseiten "Boxun“ und "Chinese Democracy and Justice Party".

Die Verhaftung Shi Taos mit Hilfe von "Yahoo"

Im Mai 2004 kündigte Shi Tao seinen Job bei "Dangdai Shangbao" und kehrte in seine Heimatstadt Taiyuan in der Provinz Shaanxi zurück, wo er als freier Journalist arbeitete. Am 24. November 2004 wurde er dort, nahe seiner Wohnung, von Einsatzkräften des Büros für Staatliche Sicherheit aus Changsha verhaftet, seine Wohnung wurde durchsucht und sein Laptop beschlagnahmt. Am 31. Januar 2005 wurde er offiziell angeklagt.

Shi Tao war also nicht anonym geblieben. Sein Internet-Anbieter "Yahoo Holdings (Hongkong) Ltd." hatte anhand der IP-Adresse den Standort des Sendercomputers ermittelt und an die chinesischen Behörden weitergegeben. Damit hat "Yahoo" zur Verhaftung und Verurteilung Shi Taos beigetragen. "Yahoo" hat auf Verlangen der chinesischen Behörden eine "Selbstverpflichtung der Internetbranche" unterzeichnet und damit faktisch zugestimmt, den drakonischen Zensur- und Kontrollmechanismus in der VR China anzuerkennen und sich dementsprechend zu verhalten.

Top Secret oder nicht?

Shi Tao gab im Verfahren zu, die E-Mail an Minzhu Tongxun ("Democracy Newsletter") gesendet zu haben. Allerdings habe er damit seiner Einschätzung nach keine "Staatsgeheimnisse" verraten. Er wollte lediglich die Bevölkerung dazu aufrufen, nicht an Veranstaltungen und Aktionen im Zusammenhang mit dem Jahrestag teilzunehmen, da sie zu Verhaftungen oder Schlimmerem führen könnten. Ihm erschien diese Direktive nicht brisant, da sie der stellvertretende Chefredakteur im Rahmen einer Routinesitzung der Redaktion weitergegeben hatte.

Die staatlichen Behörden widersprachen. Das Material sei "top secret" gewesen. Der Richter verurteilte Shi Tao und wies ihn darauf hin, dass die ihm auferlegte zehnjährige Haft angesichts der Schwere seines Vergehens sogar noch die geringst mögliche Strafe sei.

Die Haftbedingungen

Nun verarbeitet Shi Tao im Gefängnis von Changsha in Zwangsarbeit Schmuckstücke. Bereits jetzt hat der dabei entstehende Staub bei ihm schwere Haut- und Atemwegsreizungen hervorgerufen. Doch Shi Tao leidet nicht nur gesundheitlich. Er muss auch erleben, wie ihm der familiäre Rückhalt infolge von Schikanen gegen seine Familie wegbricht. Seine Frau ließ sich bereits von ihm scheiden, um dem Druck zu entgehen, dem sie wegen seiner Verhaftung an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt war

Shi Tao hatte im Jahr 1989 selbst an den Studentenprotesten teilgenommen. 1998 konvertierte der Dichter und Journalist zum Christentum. Darüber hinaus ist er aber nie als politischer Aktivist in Erscheinung getreten. Nun wird er bekannt als der Mann, der eine der am teuersten bezahlten E-Mails aller Zeiten geschrieben hat.


Hintergrundinformation

Zur Menschenrechtslage in China

In China sind zehntausende Menschen allein wegen der friedlichen Wahrnehmung ihrer fundamentalen Menschenrechte inhaftiert. Die chinesische Regierung reagiert auf abweichende politische oder religiöse Meinungen oder Überzeugungen mit drastischen Unterdrückungsmaßnahmen. Gewaltlose politische Gefangene in China kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, von Aktivisten für die Demokratisierung des Landes über Gewerkschaftler, Mitglieder nicht anerkannter Kirchen und Religionsgemeinschaften bis hin zu Anhängern der Unabhängigkeitsbewegung in Tibet und in Xinjiang.

Viele dieser Gefangenen fallen unter die Kategorie der "Internet-Dissidenten". Dutzende sind wegen internetbezogener Delikte in Haft, etwa weil sie in Chatrooms dazu aufgerufen haben, die Freilassung von Regierungskritikern zu fordern, Informationen über die Verbreitung von AIDS oder anderen Krankheiten weitergegeben oder sich kritisch zum Massaker vom Juni 1989 geäußert haben. Die chinesische Regierung versucht mit aufwändigen Maßnahmen die Nutzung des Internets einzuschränken und zu kontrollieren. Dabei wir sie auch von ausländischen transnationalen Unternehmen unterstützt.

"Irrepressible.info"

Unternehmen stehen in der Verantwortung, überall dort, wo sie geschäftlich tätig sind, die Menschenrechte zu respektieren. Das Vorgehen des US-Unternehmens Yahoo, das im Fall von Shi Tao die chinesischen Behörden aktiv bei der Strafverfolgung eines gewaltlosen politischen Gefangenen unterstützt hat, steht jedoch im Widerspruch zu einer den Menschenrechten verpflichteten Geschäftsethik.

Amnesty International hat sich mit ihren Anliegen an Yahoo gewandt und eine Antwort von dem Unternehmen erhalten, die jedoch nicht auf alle von Amnesty International angesprochenen Punkte eingeht (siehe unten "Online-Repression: eine neue Bedrohung der Freiheit").

Shi Taos Fall wurde in der Kampagne "Irrepressible" aufgegriffen, die zum 45. Jahrestag der Gründung von Amnesty International von der britischen Amnesty-Sektion gestartet wurde. Die Kampagne richtet sich gegen die wachsende Zensur im Internet. Amnesty International ruft Benutzer des World Wide Web auf, online eine Petition gegen diesen besorgniserregenden Trend zu unterschreiben. Darin werden Regierungen aufgefordert, die Zensur von Internetseiten zu beenden. Die Unterschriftenliste soll im November dieses Jahres bei einer UN-Konferenz zur Zukunft des Internets präsentiert werden.



  Amnesty International fordert die chinesischen Behörden auf:

  • den gewaltlosen politischen Gefangenen Shi Tao sofort und bedingungslos frei zu lassen,


  • Shi Tao eine angemessene medizinische Versorgung zukommen zu lassen, da er Berichten zufolge an Atemproblemen und Hautreizungen leidet, die durch die Staubentwicklung bei der Verarbeitung von Schmuck in der Haft entstanden sind,


  • dafür Sorge zu tragen, dass jeder Mensch in China das Internet dazu nutzen darf,
    um sich im Einklang mit dem grundlegenden Recht auf freie Meinungsäußerung Informationen zu beschaffen, diese weiterzugeben und zu verbreiten.

(Amnesty International Deutschland, 11/2006)

Unsere Themengruppe - Aktion: Einsatz für Journalisten - Einsatz für Shi Tao





Yahoo headquarters, Foto: ©: APGraphicsBank/Amnesty International
Yahoo Inc. headquarters, USA

Yahoo bereut

Aber wie steht es um die Konsequenzen?

Die US-amerikanische Internet-Firma Yahoo will einen Fonds einrichten, der politische Dissidenten und deren Familien in China finanziell unterstützen soll. Mit diesem Vergleich endete in den USA ein Rechtsstreit, bei dem der Yahoo-Chef Jerry Yang auf der Anklagebank saß. Yahoo wurde vorgeworfen, mitverantwortlich zu sein für die Inhaftierung von Shi Tao und Wang Xiaoning, zwei chinesische Regimekritiker, die zur Zeit in ihrem Heimatland langjährige Haftstrafen absitzen.

Die beiden Männer waren unter anderem wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen zu jeweils zehn Jahren Haft verurteilt worden. Chinesische Behörden hatten Shi und Wang identifizieren und verhaften können, weil Yahoo ihnen die nötigern Daten übergab. Angestrengt wurde der Prozess in den USA von den Familien der Inhaftierten und der Menschenrechtsorganisation Human Rights USA. In offiziellen Stellungnahmen sagten sie, sie seien mit dem Ergebnis zufrieden.

(Der Spiegel Nr. 47 vom 19.11.2007)

Unser Kommentar:

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen fordern nach wie vor die Freilassung der Inhaftierten, die sie als politische Gefangene ansehen.

Wir fragen uns vor allem auch, ob Yahoo weiterreichende Folgerungen aus der Anklage zu ziehen bereit ist, worüber sich der obigen Nachricht nichts entnehmen lässt.

(zi, 29.11.2007)
Sekogruppe Verfolgte AutorInnen und JournalistInnen - Für Meinungsfreiheit




Yahoo entschädigt Shi Tao

Der Internetkonzern willigte ein, die Familien der zwei inhaftierten chinesischen Oppositionellen Shi Tao und Wang Xiaoning finanziell zu unterstützen und einen humanitären Fonds für andere Dissidenten und deren Angehörigen einzurichten.

Die beiden Männer hatten regierungskritisches Material im Internet veröffentlicht und waren daraufhin verhaftet und gefoltert worden, nachdem das Unternehmen Informationen über ihre Online-Aktivitäten an chinesische Behörden weitergeleitet hatte.

(Amnesty International Deutschland, 11/2007)

Yahoo entschädigt chinesische Dissidenten (11/2007) - www.zeit.de




Weitere Informationen


Pressefreiheit auf Chinesisch (01/2008) - www.dradio.de

AI-Aktion vor chinesischer Botschaft in Berlin (08/2007) - www.amnesty.de

Amnesty International lässt sich von chin. Botschaft nicht ignorieren (08/2007) - www.amnesty.de

Interview mit Kai Strittmatter über Zensur in China (12/2006) - www.amnesty.de

Online-Repression: eine neue Bedrohung der Freiheit (10/2006) - www.amnesty.de

The role of Yahoo!, Microsoft and Google (07/2006) - Amnesty International UK (pdf)

China 2005 (Jahresbericht 2006) - www.amnesty.de



Weitere Berichte unter - Nachrichten / Ostasien / China


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