"Bereit, für Meinungsfreiheit aufs Äußerste zu gehen"
Fariñas Hernández: Hungerstreik als Waffe gegen staatliche Repression in Kuba
Bis zum 23. Januar 2006 konnten die Mitarbeiter der unabhängigen Presseagentur "Cubanacan" unter derem Leiter
und Herausgeber Dr. Fariñas Hernández über einen für sie noch offenen Internetzugang in Santa Clara in Zentralkuba
Mitteilungen und Berichte über die problematische Menschenrechtslage und andere Nachrichten, die in der politisch
gleichgeschalteten Presse nicht erscheinen konnten, an ausländische Adressaten absetzen. Dann wurde ihnen dieser
Zugang versperrt.
Daraufhin trat der Herausgeber in einen öffentlichen Hungersstreik. In einem offenen Brief an Fidel Castro forderte
er das Recht jedes kubanischen Bürgers auf freie Nutzung des Internets und das Recht für die unabhängige Presse, frei
und auch kritisch über gesellschaftliche Verhältnisse und die Regierungspolitik zu berichten. Er erinnerte an das
Versprechen des kubanischen Regierungsvertreters auf dem Gipfel der Vereinten Nationen über freien Informationszugang
2005 in Tunis, das Recht aller Bürger auf ungehinderten Internetzugang zu gewährleisten, dessen Umsetzung er nun
erneut verlangte. Eindringlich machte er klar, dass er entschlossen sei, für die Erreichung dieses Zieles notfalls
bis zum Tode zu hungern.
Mit Kollaps ins Krankenhaus
Als Dr. Fariñas 1995 zum ersten Mal verhaftet wurde, entschied er sich bereits für diese gewaltlose, aber gegen
sich selbst schonungslose Form des Protestes. Nun versuchte er 2006 diese friedliche "Waffe" gegen den Feind der
Meinungsfreiheit schon zum 10. Mal ohne Rücksicht auf seine bereits geschwächte Gesundheit zur Anwendung zu bringen.
Diesmal hätte ihn sein "Hunger nach Freiheit" beinahe an den Rand des Todes gebracht. Mitte Februar 2006 wurde er bewusstlos
und in sehr kritischem Zustand ins Zentralkrankenhaus von Villa Clara eingeliefert. Die Ärzte und Angehörige
hatten ihn schon vorher bedrängt, das Hungern aufzugeben, und er hatte dann der intravenösen Zuführung von Flüssigkeit
zugestimmt.
Weimarer Menschenrechtspreis 2006 an Dr. Fariñas Hernández
Im Juli 2006 beschloss der Weimarer Stadtrat, den "Menschenrechtspreis der Kulturstadt Weimar" in diesem Jahr dem
aus 13 internationalen Kandidatenvorschlägen ausgewählten Kubaner zuzusprechen.
Der Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) Martin Lessenthin
appellierte dringend an die deutschen Berufskollegen, Dr. Fariñas Hernández in seinem Einsatz "für das hohe Gut
der Meinungs- und Pressefreiheit" zu unterstützen. Er verdiene alle nur mögliche Solidarität. Er begrüßte
die Weimarer Preisentscheidung als "das richtige Signal an Castro".
Aber von links kam auch gehässige Kritik aus ideologisch orientierten Kreisen von
Castro-Anhängern, insbesondere in den Reihen der Linkspartei/PDFS, wie vorher schon bei der Verleihung des
Sacharow-Preises des Europaparlaments an die "Damen in Weiß" von Kuba. Fariñas Hernández wurde als
"Söldner der USA" diffamiert, der die kubanische Regierung verunglimpfe; auch sei der angebliche
Menschenrechtsaktivist bei Menschenrechtsorganisationen völlig unbekannt. Auch die IGFM wurde als
"reaktionäre Organisation" attackiert. Das alles verwundert nicht. Haben doch die Castro-Anhänger
immer wieder Menschenrechtsverletzungen des Regimes in Havanna entweder völlig bestritten oder zumindest
bagatellisiert. Diese Reaktionen können nur als Bestätigung für die Richtigkeit der Weimarer Entscheidung
aufgefasst werden.
Fariñas Hernández durfte den Preis nicht persönlich entgegennehmen
Der mit 2.500 Euro dotierte Preis wurde 2006 am Internationalen Tag der Menschenrechte
der Vereinten Nationen, dem 10. Dezember, an Dr. Fariñas Hernández verliehen. Dem Preisträger wurde aber die persönlich
Entgegennahme offiziell untersagt. Am 12. November 2006 überbrachte ihm der Staatssicherheitsoffizier Major
Vladimir Mendez in seinem Haus das Ausreiseverbot "aus gesundheitlichen Gründen". Ein "folgerichtiger Akt" der
herrschenden Nomenklatura. Der Offizier soll hinzugefügt haben, man werde ihn nicht ausreisen lassen,
da "das Bild eines Rollstuhlfahrers das Bild der Revolution schädigen" würde. Ein entlarvender Ausspruch,
allerdings im umgekehrten Sinne.
(j.z., 20.07.2007)
IGFM dankt Weimar: "Menschenrechtspreis für Fariñas Hernández ..." (07/2006) -
www.igfm.de
IGFM dankt Weimar: "Der Menschenrechtspreis für Dr. Fariñas ..." (Kommentar) -
www.igfm.de
Reise nach Weimar verboten (11/2006) -
www.igfm.de
Preisträger 2006: Dr. Guillermo Fariñas Hernández (12/2006) -
www.menschenrechtspreis.de
"Der Geist aus der Flasche"
Reporter ohne Grenzen zählen Kuba zu den "Feinden des Internet"
Kuba ist unter den 15 Staaten, die 2006 von Reporter ohne Grenzen (ROG) als "Feinde des Internet" gebrandmarkt wurden.
Die Zahl wächst noch, 2007 sollen es schon über zwanzig sein. Dazu zählen u. a. auch Länder wie Birma, China,
Nordkorea, Vietnam, Iran, Libyen, Saudi-Arabien, Usbekistan, Weißrussland.
Regimegegner in Kuba wie
Fariñas Hernández werfen der kommunistischen Führung vor, sie benutze das jahrelange
Embargo der USA gegen Kuba als Vorwand für die Beschränkung des Internetzugangs. In Wahrheit gehe es darum, den
Bürgern keinen Zugang zu ungefilterten Informationen zu gewähren
Internetnutzung und Auslandstelefonate nur für eine "Elite"
Von den gut 11,3 Millionen Kubanern haben nach ROG vielleicht 120.000 Zugang zum Internet. Nur sechs
bis zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über einen Telefonanschluss. Auslandsgespräche zu führen oder zu
empfangen ist, wie es heißt, nur einer kleinen, streng kontrollierten Elite erlaubt.
Die Partei kontrolliere den Kauf von Computern und Modems und anderweitigen Zugang zu Rechnern. Es heißt
sogar, dass der Verkauf von Computern, Druckern und Kopierern durch die Monopolgeschäfte an Privatpersonen
per Dekret untersagt sei. - Die örtlichen Komitees für die Verteidigung der Revolution (CDR) bilden ein engmaschiges
Kontrollnetz über das ganze Land und sind zuständig für die Zustimmung zu einem Antrag auf Telefonanschluss oder bzw.
und Internetzugang. Wer sich durch Freunde oder Verwandte im Ausland die nötige Ausrüstung für diesen Zugang beschafft,
was angeblich immer häufiger geschieht, setzt sich damit der Gefahr der Entdeckung und Bestrafung aus.
"Die moralischen Prinzipien der kubanischen Gesellschaft ..."
Im März 2003 wurden schlagartig im ganzen Land 75 Dissidenten verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
In vielen Anklageschriften hieß der Vorwurf "illegale" oder "konterrevolutionäre Nutzung des Internets".
Bereits 1996 erließ die Regierung ein Dekret, wonach es bei Nutzung des Internets untersagt sei, "die moralischen
Prinzipien der kubanischen Gesellschaft und ihrer Gesetze zu verletzen? oder "die nationale Sicherheit (!)
zu gefährden". Es versteht sich, dass die Partei diese moralischen Prinzipien bestimmt und eine eventuelle "Gefährdung
der Sicherheit" feststellt. - 2004 folgte eine Anordnung, die die Nutzung eines privaten Telefonanschlusses
für den Zugang zum Internet prinzipiell untersagt. Ob eine vollständigen Durchsetzung dieser Verfügung
wirklich möglich ist, kann bezweifelt werden.
Zur "Überwachung von Computertechnologie und Kommunikation" wie auch zur Vergabe von Radio-Sendefrequenzen
richtete die Regierung 200 auch noch ein eigenes Ministerium ein. Angesichts kontinuierlicher technischer
Neuerungen auf dem Feld globaler Kommunikation und des wachsenden Widerstands gegen Parteikontrolle und
staatliche Repression im eigenen Land muten all diese Anstrengungen von Regierungsseite doch eher wie am Ende
vergebliche Versuche an, den Geist des freien Informationsflusses im Internet wieder in die Flasche der absoluten
Kontrolle der Partei zurückzubannen.
(j.z., 20.07.2007)
Quelle: faz.net "Ein Leben für das Internet" vom 16.07.2007
Weitere Informationen
Petition for release of Cuban journalists (08/2007) -
www.englishpen.org
Staatssicherheit misshandelt unabhängigen Journalisten (03/2007) -
www.igfm.de
Guillermo Farinas Hernandez: Der verbotene Reporter (12/2006) -
www.zeit.de
Guillermo Farinas Hernandez: Ein Leben für das Internet (02/2006) -
www.faz.net.de
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