Menschenrechtslage auf Kuba
Abweichende Meinung unerwünscht
Die Lage der Menschenrechte ist in Kuba nach wie vor prekär. Aktivitäten von Opposition und
Dissidenten beantwortet das Castro-Regime mit Inhaftierungen und drastischen Strafen.
Auch die wirtschaftliche Lage trägt zum Klima des Misstrauens bei: Nach wie vor leidet Kuba
unter dem US-Embargo.
"Lieber arm auf Kuba, als in einem beliebigen anderen lateinamerikanischen Land". Diese Aussage
schlägt Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Menschenrechte auf Kuba einsetzen,
häufig entgegen. Kuba gilt vielen Menschen bis heute als Musterland im Bildungs- und Gesundheitsbereich.
Dabei wird übersehen, dass nicht alle Kubaner in gleichem Maße an diesem System
teilhaben können. Hier spielt häufig die politische Meinung die ausschlaggebende Rolle. Die
wirtschaftliche Isolation Kubas durch das Embargo der USA dient der Regierung um Fidel Castro dabei
als willkommene Rechtfertigung für die gravierenden Einschränkungen der Menschenrechte
und wirkt sich negativ auf alle Ebenen des kubanischen Lebens aus.
Verhaftungswelle 2003
Im Schatten des Irakkriegs im März 2003 wurden bei der größten Verhaftungswelle seit Beginn der
kubanischen Revolution im Jahr 1959 75 Frauen und Männer festgenommen und zu bis zu 28 Jahren
Haft verurteilt, einzig weil sie von ihrem Recht auf Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
Gebrauch gemacht hatten. Vorgeworfen wurde ihnen auch, sich Informationen aus
dem Ausland beschafft zu haben. Unter ihnen waren Menschenrechtsaktivisten, Journalisten,
Schriftsteller, Lehrer, Buchhändler und Angehörige oppositioneller Demokratiebewegungen. Sie
hatten sich für Wahlen ausgesprochen, Flugblätter vorbereitet oder sich zu Gesprächen getroffen.
Alle wurden in Schnellverfahren zu hohen Haftstrafen verurteilt. Viele der Urteile basierten auf einer
Kombination des Artikel 91 des Strafgesetzbuches (Kollaboration mit ausländischen Mächten)
und dem Gesetz 88 zur Sicherung der nationalen Unabhängigkeit und Wirtschaft Kubas ("Ley de
Protección de la Independencia Nacional y la Economía de Cuba"), dessen Ziel die Eindämmung
regierungskritischer Stimmen ist. Das Gesetz sieht sieben bis 15 Jahre Freiheitsentzug für die
Weitergabe von Informationen an die USA vor, welche zur Unterstützung von anti-kubanischen
Maßnahmen, wie der US-Wirtschaftsblockade gegen den Inselstaat, dienen können. Die Strafe
kann bis auf 20 Jahre ausgedehnt werden, wenn die Informationen illegal beschafft wurden.
Das Gesetz verbietet auch den Besitz, die Verteilung oder Vervielfältigung "subversiven Materials" der
US-Regierung und sieht Haftstrafen von bis zu fünf Jahren für die Zusammenarbeit mit Radio- und
Fernsehstationen sowie Veröffentlichungen vor, in denen nach Auffassung der kubanischen Behörden
die US-Politik unterstützt wird.
Todesstrafe
Darüber hinaus wurden drei Menschen zum Tode verurteilt, nachdem man sie für schuldig befunden
hatte, am 2. April 2005 eine kubanische Personenfähre entführt und die an Bord befindlichen
Passagiere als Geiseln genommen zu haben, um so zu versuchen, die Insel in Richtung USA zu
verlassen. Obwohl bei dem Fluchtversuch keine Personen zu Schaden gekommen waren, wurden
die Angeklagten auf der Grundlage des Anti-Terror-Gesetzes zum Tode verurteilt und noch im selben
Monat hingerichtet.
Im In- und Ausland wurden die Verhaftungen und Hinrichtungen scharf verurteilt. Die katholische
Kirche auf Kuba und verschiedene nationale Menschenrechtsorganisationen äußerten in offenen
Briefen und Protesten ihre Empörung. Die Europäische Union stellte jegliche Zusammenarbeit mit
Kuba ein, obwohl sie ihre Beziehungen zu dem Inselstaat gerade erst intensiviert hatte. Bei der
jährlichen Sitzung der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen prangerte man – wie in
jedem Jahr – die Verletzung der politischen und bürgerlichen Menschenrechte in Kuba an.
Unterwartet hartes Vorgehen
Bereits vor der Verhaftungswelle im März 2003 gab es Menschenrechtsverletzungen und politische
Gefangene auf Kuba, allerdings schien sich eine Verbesserung abzuzeichnen. Nicht nur war die
Zahl politischer Gefangener verhältnismäßig gering, auch galt seit 2000 ein De-facto
Hinrichtungsmoratorium.
Dissidentenorganisationen waren zwar weiterhin illegal, ihre Aktivitäten wurden
jedoch weitgehend geduldet, und es wurde ihnen ein gewisses Maß an Handlungsfreiheit zugestanden.
Darüber hinaus verbesserten sich die Beziehungen zu einigen Teilen der internationalen
Gemeinschaft, insbesondere der EU und Kanada, die jahrelang auf Eis gelegen hatten.
Das massive Vorgehen gegen friedliche Kritiker des Regimes von Fidel Castro im März 2003 war damit
eine unerwartete Wendung und zeigte, dass die Regierung weiterhin nicht willens war, ihren Bürgern
grundlegende politische Menschenrechte zu gewähren. Auf die Empörungen im Ausland reagierten
Angehörige der Führungsriege um Castro gleichgültig. Die Verhaftungen seien eine Reaktion
auf die subversiven Tätigkeiten des Ständigen Vertreters der USA auf Kuba (zu diesem Zeitpunkt
noch James Cason), der offen kubanische Dissidenten unterstützte, etwa indem er sein
Haus als Treffpunkt zur Verfügung stellte.
Miserable Haftbedingungen
Im Jahr 2004 und Anfang 2005 wurden 19 der 75 politischen Gefangenen wieder aus der Haft entlassen,
die Mehrheit aufgrund ihres kritischen Gesundheitszustands. Bei den meisten handelt es sich jedoch
nicht um eine endgültige Begnadigung, die Betroffenen können jederzeit ohne ein Gerichtsverfahren
wieder inhaftiert werden. Dabei sind die Haftbedingungen katastrophal. Viele Gefangene sind in
Haftanstalten untergebracht, die sich Hunderte von Kilometern entfernt von ihren Familien befinden,
so dass die ohnehin stark beschränkten Besuche zusätzlich erschwert werden. Telefongespräche und der
Empfang von Post werden als zusätzliche Bestrafung häufig verweigert.
Auch von Misshandlungen durch Gefängnispersonal oder andere Gefangene mit Billigung der Wärter berichten
die Inhaftierten. Proteste gegen unfaire Behandlungen wie beispielsweise Hungerstreiks gegen ungenügende
medizinische Versorgung enden oft in Isolationshaftzellen, die meist nicht mehr als 2x1 Meter groß sind.
Bis Ende 2004 wurde den politischen Gefangenen jegliche ärztliche Versorgung vorenthalten, wobei ein
Großteil - unter anderem aufgrund der harten Haftbedingungen - unter erheblichen gesundheitlichen
Problemen leidet. Auf internationalen Druck hin erhielten sie inzwischen zwei ärztliche Untersuchungen
und einige von ihnen wurden in Gefängnisse in der Nähe ihrer Heimatorte verlegt.
Dissidenten landen im Gefängnis
Im Mai 2005 fand zum ersten Mal ein Treffen verschiedener oppositioneller Organisationen in der
Hauptstadt Havanna statt, an dem etwa 200 Dissidenten teilnahmen. Entgegen der Befürchtungen
wurde das Treffen kaum gestört, auch wenn Castro es als eine von den USA finanzierte Aktion
verurteilte und mehreren ausländischen Journalisten und Politikern (darunter auch einem Abgeordneten
der CDU) die Einreise verweigerte. Wer glaubte, diese Ereignisse zeigten den guten Willen
der Regierung und die Lage der Menschenrechte würde sich nun wieder verbessern, der wurde
schnell eines anderen belehrt.
Bereits zwei Monate später, im Juli 2005, wurden etwa 50 Personen
verhaftet, darunter Journalisten und politische Aktivisten, unter anderem auch die Organisatoren
des Treffens im Mai. Die meisten wurden während der Teilnahme an politischen Aktionen
festgenommen. Dabei handelte es sich um eine friedliche Kundgebung zur Erinnerung an das
Schlepperunglück vom 13. März 1994, bei dem 35 Menschen ums Leben kamen, weil ihr Boot
sank, nachdem es von anderen Booten, die offensichtlich auf offizielle Anweisungen handelten,
gerammt worden war. Außerdem wurden Personen festgenommen, die an einer Demonstration
vor der französischen Botschaft teilnehmen wollten, als Protest dagegen, dass Frankreich plante,
seine Beziehungen zu Kuba zu verbessern. Während die meisten Dissidenten ohne Anklage wieder
freigelassen wurden, befindet sich eine unbestimmte Anzahl weiterhin in Haft und erwartet
hohe Haftstrafen auf der Grundlage des Gesetzes 88.
Unterstützung aus dem Ausland
Damit hat die kubanische Regierung deutlich gemacht, dass sie abweichende Meinungen weiterhin
nicht akzeptiert. In den vergangenen Jahren haben sich einige Dissidentenorganisationen gegründet.
Sie setzen sich auf verschiedene Art und Weise friedlich für die Stärkung der Demokratie
auf Kuba ein. Zu ihnen gehört das Varela-Projekt von Oswaldo Paya, das versucht, auf der Grundlage
der Verfassung einen Volksentscheid über einen Systemwechsel herbeizuführen, und viele
Menschenrechtsorganisationen, die sich für die politischen Gefangenen und ihre Familien einsetzen.
Einige von ihnen erhalten Unterstützung von Exilkubanern in den USA und verschiedenen
Kräften in Europa, unter anderem aus Tschechien (etwa von Václav Havel) oder aus Polen, die
ihnen Ressourcen zur Verfügung stellen oder Mitglieder zu Veranstaltungen nach Europa einladen.
Diese Unterstützung ist sicherlich nicht immer selbstlos und dient vielfach anderen Interessen
als denen, die von den Dissidenten selbst verfolgt werden.
Dies liefert dem Regime die Rechtfertigung der massiven Einschränkung der Meinungsfreiheit auf Kuba.
Dabei sind von den Repressionen nicht nur diejenigen betroffen, die ihre abweichende Meinung äußern,
an Kundgebungen teilnehmen oder Mitglieder der oppositionellen Demokratisierungs- und
Menschenrechtsbewegungen sind, sondern auch deren Familienangehörige. Berichten von Amnesty International
zufolge werden Ehefrauen und Kinder von Dissidenten und politischen Gefangenen am Arbeitsplatz und in der
Schule diskriminiert oder auf der Straße und Zuhause bedroht. Bekannt ist auch ein Fall, bei dem
ein bereits entlassener Gefangener mit seiner Familie am Flughafen an der Ausreise gehindert wurde.
Klima des Misstrauens
Bis heute gilt auf Kuba, dass wer seine Meinung öffentlich äußert, an friedlichen Versammlungen
teilnimmt oder Mitglied einer oppositionellen Bewegung ist, sich und seine Familie der Gefahr erheblicher
Repressionen aussetzt, die bis zu hohen Haftstrafen unter unmenschlichen Bedingungen
gehen können. Amnesty International fordert die umgehende Freilassung aller gewaltlosen politischen
Gefangenen, die einzig von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs- oder
Vereinigungsfreiheit Gebrauch gemacht haben, und die Einhaltung internationaler Standards zur
Behandlung von Gefangenen. Diese Forderungen werden nicht dadurch relativiert, dass die Jahrzehnte
andauernde wirtschaftliche Blockade durch die USA einen negativen Einfluss auf alle Bereiche
des Lebens auf Kuba hat und für die Rückentwicklung der einst so vorbildlichen Bildungs-
und Gesundheitssektoren mitverantwortlich ist. Sie muss aufgehoben werden, weil sie ein Klima
des Misstrauens schafft, in dem Menschenrechtsverletzungen geschehen und dem Regime Castros
eine Rechtfertigung für die massiven Einschränkungen der grundlegenden Menschenrechte bietet.
Anhand der Situation in Kuba wird die Unteilbarkeit der Menschenrechte, wie Amnesty International
sie vertritt, nur allzu deutlich: Ein satter Mensch, der seine Freiheit riskiert, wenn er lediglich seine
politische Meinung äußert, erfährt ebenso eine Verletzung seiner menschlichen Würde, wie jemand,
der zwar sein Meinung frei äußern, aber seine Grundbedürfnisse nach Nahrung, Gesundheit
und Bildung nicht befriedigen kann.
Frauke Manninga / Amnesty-Kuba-Kogruppe (November 2006)
Zur Webseite der deutschen Kuba-Koordinationsgruppe -
www.amnesty-kuba.de
Appellfälle
Normando Hernández González - ... kurz vor dem Tod (09/2007) -
www.igfm.de
Normando Hernández González - "Langsame Ermordung" ... (12/2006) -
www.igfm.de
Petition for release of six Cuban journalists (08/2007) -
www.englishpen.org
Tania Maceda Guerra (01/2007) -
www.amnesty.de
Ahmed Rodríguez Albacia (12/2006) -
www.amnesty.de
Weitere Informationen
New Cuban leadership can improve human rights (02/2008) -
www.amnesty.org
Amir Valle in Berlin (08/2007) -
www.n-tv.de
Carlos Aguilera: Schreiben gegen einen Mythos (09/2007) -
www.amnesty.de
UN-Menschenrechtsrat: Kuba wird nicht mehr beobachtet (06/2007) -
www.dw-world.de
Oscar Sanchez Madan: Vier Jahre Haft für oppositionellen Journalisten (04/2007) -
www.igfm.de
Tag der Pressefreiheit 2007: Massive Beschränkung (03/2007) -
www.amnesty-kuba.de
Drei Auslandskorrespondenten die Akkreditierung entzogen (02/2007) -
www.igfm.de
Guillermo Espinosa: Journalist zu zwei Jahren Hausarrest verurteilt (11/2006) -
www.igfm.de
IGFM verklagt Kuba vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (11/2006) -
www.igfm.de
Presse- und Meinungsfreiheit in Kuba (09/2006) -
www.dradio.de
Raul Rivero: "Ich bin kein Märtyrer, ich bin nur ein einfacher ... (05/2006) -
www.dw-world.de
Interview mit Raul Rivero - Moralische Armut (05/2005) -
www.amnesty.de
Kubanischer Exilschriftsteller Carlos Aguilera in Prag (06/2004) -
www.radio.cz
Raúl Rivero: Journalist awarded World Press Freedom Prize 2004 (02/2004) -
portal.unesco.org
Cuba - Massive crackdown on dissent (04/2003) -
www.amnesty.org
Amnesty International Jahresberichte: Kuba -
www.amnesty.de
Kuba-Koordinations-Gruppe von Amnesty International -
www.amnesty-kuba.de
Zum Seitenanfang