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Themengruppe 2907, Amnesty International

Meinungs- und Publikationsfreiheit




"Reden ist Silber, Schweigen ..."?


Sie sollten schweigen, aber er hat geredet. Und dafür sitzt er im Gefängnis - der Journalist Shi Tao. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking am 4. Juni 1989 sollte am 15. Jahrestag in der Presse nicht erwähnt werden. Dieses Schweigegebot konnte Shi Tao nicht hinnehmen.

Menschen müssen von dem reden, was sie tief bewegt. Je stärker sie ein Unrecht empfinden, desto stärker ist der innere Druck, darüber zu sprechen, anzuklagen, Abhilfe zu suchen. Desto stärker wird aber auch der Druck durch die Nutznießer des Unrechts, alles im Dunkeln zu lassen.

Wo die Meinungsfreiheit unterdrückt wird, soll Unrecht verdeckt werden. Wahrscheinlich gilt sogar: je stärker die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, desto stärker die Unterdrückung der Menschen.

Die Meinungsfreiheit ist ein politisches Menschenrecht. Denn anders als bei der Glaubens- und Gewissensfreiheit, die den individuellen Kern des Menschen schützt, geht es bei ihr um die Beteiligung an Entscheidungen, die alle betreffen. Dadurch ist sie Grundlage der Demokratie. Auch für Amnesty International ist die Meinungsfreiheit die Grundlage des Wirkens: Wir haben nur das öffentliche Wort als Mittel, Ungerechtigkeit zu mindern und Menschen zu ihren Rechten zu verhelfen.

Meinungsfreiheit war einmal fast gleichbedeutend mit Pressefreiheit. Die elektronischen Medien eröffnen neue Fronten. Gewöhnlich sind neue Technologien neue Mittel, die Machtverhältnisse zu verfestigen. Auch heute versuchen Regierungen, die neuen Medien für sich zu nutzen oder gar zu monopolisieren. Ihre Mittel sind Verbot, Kontrolle, abschreckende Bestrafung.

Aber vielleicht ist es jetzt anders? Die Wächter laufen der technischen Entwicklung meistens hinterher. Davon berichten unter anderem die Artikel aus China, aus der Türkei, vor allem aber aus dem Iran. Die mediale Revolution könnte politische Auswirkungen haben. Aber die neuen Mittel bergen auch Gefahren: Was zum Beispiel über Twitter ins Netz gestellt wird, kann schneller praktische Konsequenzen haben als es evaluiert wird. Und: Die Anliegen dieser Nachrichtenproduzenten müssen nicht Menschenrechte und Demokratie sein. Auch Demagogen und Kriminellen jeder Art stehen die Möglichkeiten offen.

Die Angst der Regierenden vor freiem Informationsfluss ist verschieden berechtigt, verschieden ausgeprägt, aber allgemein verbreitet. Ist das Streben nach Sicherheit einmal ein Faktor geworden, wuchert es weiter und weiter. Sicherheit gibt es nur durch Gerechtigkeit, die durch Meinungsaustausch und Interessenausgleich möglich wird.

Wolfram Geppert,
Sekogruppe Meinungsfreiheit
(Amnesty Journal 12/2009-01/2010)

Wolfram Geppert: "Reden ist Silber, Schweigen...?" (12/2009) - www.amnesty.de

Gerhart Baum: "Der Staat darf nicht alles wissen" (12/2009) - www.amnesty.de

Internet/China: Zwischen Zensur und neuen Freiheiten (12/2009) - www.amnesty.de

Internet/Iran: Gefangen im Netz (12/2009) - www.amnesty.de

Internet: Zugriff verweigert (12/2009) - www.amnesty.de

Internet: Zwitschern bis zum Umsturz (12/2009) - www.amnesty.de

Überwachung 2.0 statt Redefreiheit (12/2009) - Amnesty Journal 12/2009 in Auszügen




Foto: © AP/Amnesty International

Die Unterdrückung der Meinungsfreiheit
hat weltweit zugenommen

Heimtückische Morde sind die ultamative Methode,
unbeliebte Kritiker mundtot zu machen

Von dieser Methode wird in vielen Ländern Gebrauch gemacht


Die russische Journalistin Anna Politowskaya, eine der schärfsten Kritikerinnen von Präsident Putin, wurde vor ihrem Haus erschossen. Kein Täter ist bislang zur Rechenschaft gezogen worden. Entsprechendes gilt für Hrant Dink in der Türkei, der vor seinem Redaktionsbüro durch Schüsse niedergestreckt wurde, für Olgulsapar Muradova, die nach schweren Misshandlungen in einem turkmenischen Gefängnis starb, und viele andere.

In Mexiko, Kolumbien und zahlreichen anderen Ländern werden Journalisten auf offener Straße überfallen, niedergeschlagen, angeschossen, getötet.

Fast täglich erhält Amnesty International Nachricht von willkürlich festgenommenen oder verschleppten, von Folter bedrohten Journalisten.

Die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, der Presse- und Medienfreiheit hat weltweit zugenommen. Nicht nur in autoritär regierten Staaten und Diktaturen. Sondern auch in Demokratien, die sich rühmen, die Meinungsfreiheit verfassungsrechtlich zu schützen. Journalisten werden unter dem Deckmantel der Terrorismus-Bekämpfung verfolgt und in ihrer Arbeit behindert. Regierungen nehmen den Antiterrorkampf als willkommenen Grund, die ohnehin betriebene Unterdrückung von politischer Opposition und Meinungsfreiheit zu verstärken.

Amnesty International für das Recht auf freie Meinungsäußerung

Amnesty International setzt sich für die Rechte von Schriftstellern, Journalisten und auch für Autoren ein, die im Internet publizieren. Die Menschenrechtsorganisation wendet sich gegen repressive Gesetze und Praktiken, die das Recht der Meinungsäußerungs- und Publikationsfreiheit beschneiden oder in Frage stellen.

Sie übt Druck auf Regierungen und Behörden aus, macht ihre Praktiken und das Schicksal ihrer Opfer öffentlich und hilft inhaftierten und bedrohten Journalisten und Autoren nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten. Und dies auch mit durchaus nachweisbaren Erfolgen, wenn auch nicht immer in dem Umfang, wie wir es uns wünschen möchten.

Menschenrechtsarbeit bedarf der Geduld und Beharrlichkeit

Meinungsfreiheit ist ein kostbares Gut und grundlegende Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie und intakte Rechtsstaatlichkeit. Sie muss sorgsam beschützt und immer wieder eingefordert werden. Helfen Sie mit, mit Ihrem Interesse, bei unseren Aktionen, mit Ihrer finanziellen Unterstützung. Informieren Sie sich über unsere Anliegen und Ziele, über unsere Arbeit.

Amnesty International, Sektion der Bundesrepublik Deutschland,
Sekogruppe Verfolgte AutorInnen und JournalistInnen – Für Meinungsfreiheit
(September 2007)

Amnesty-Kampagne - Einsatz für die Menschenrechte - Einsatz für Journalisten

Amnesty-Kampagne - Internet und Menschenrechte

Zur Webseite von Amnesty International - www.amnesty.org

Zur Webseite von Amnesty International Deutschland - www.amnesty.de





Die Lage der Meinungs- und Publikationsfreiheit
2005 und 2006 im Überblick

Zunehmende Verschlimmerung weltweit

Dramatische Einschränkungen der Informationsfreiheit - Restriktionen und Gewalt nehmen zu

Länder ohne unabhängige Medien oder auf dem Weg dazu

In 21 Ländern wurden 2005 von unabhängigen Menschenrechtsorganisationen über 1.000 zensierte und verbotene Medien registriert.

In Ländern wie Nordkorea, Iran, China dürfen nur regierungskonforme Informationen verbreitet werden. Andere sind auf dem Weg zu diesem Status: Länder in Zentral-Asien und Südasien, wie Vietnam oder Nepal, wo sich allerdings gegenwärtig ein möglicher Umbruch abzeichnet, und dem Nahen Osten wegen zunehmender Restriktionen aufgrund der "Staatsreligion" Islam; in Afrika, z.B. in der Republik Kongo, in Äthiopien, Tunesien und auch wieder zunehmend in Algerien; in Europa Russland unter Staatspräsident Putin, Belarus (Weißrussland), und heute selbstständige Staaten der ehemaligen Sowjetunion in Asien: Usbekistan, Tadschikistan.

Repressionen von mehreren Seiten

Reporter ohne Grenzen (ROG) resumieren in einer ihrer jüngsten Presseverlautbarungen: "Zu den Feinden der Meinungs- und Medienfreiheit zählen Staatspräsidenten, Könige, Minister, Guerillaanführer, Bosse krimineller Organisationen".

In Ländern mit Bürgerkriegen oder bürgerkriegsähnlichen Zuständen werden Menschenrechtsverletzungen sowohl von Regierungsseite als auch von militanten Oppositionsgruppen und bewaffneten Banden begangen; ein besonders schlimmes Beispiel dieser Art ist Kolumbien. Dort geraten auch kritische Journalisten "zwischen die Fronten" und oft in Lebensgefahr.

Länder ohne intakte staatliche Ordnung

Ein besonderes Problem stellen Länder mit zerfallender staatlicher Ordnung dar, in denen eine staatliche Autorität nicht mehr die volle Regierungsgewalt besitzt und deshalb nicht mehr auf ihre Verantwortlichkeit angesprochen werden kann, und in denen rivalisierende und marodierende militante Gruppen unter chaotischen Verhältnissen "herrschen".

Zahlen sprechen für sich - Lebensgefahr für Journalisten in 21 Ländern

Nach Feststellung einschlägiger internationaler Organisation kamen 2005 über 60 Journalisten in Ausübung ihres Berufes um. (Das Internationale Presse-Institut IPI verzeichnet 65, ROG geben 63 Todesfälle an.)

Gefährlichstes Land für Pressevertreter und Medienmitarbeiter ist nach wie vor Irak, mit 23 in Kampfhandlungen umgekommenen oder ermordeten Angehörigen dieser Berufsgruppen. Seit März 2003 bilanziert ROG dort 72 Tote (IPI sogar 87). In diesem Jahr wurden bereits 16 Todesfälle verzeichnet, davon allein sechs im Irak.

20 Tote wurden 2005 in Asien gezählt, elf in Lateinamerika und neun allein auf den Philippinen. Auch in Russland gab es mindestens zwei Journalistenmorde.

Bescheidene Lichtblicke

Das IPI verzeichnet aber auch gewisse, wenn auch bescheidene Lichtblicke, wie Lockerung von restriktiven Gesetzen in Chile, Guatemala (obwohl auch dort Journalisten immer noch gefährdet sein können), Honduras, Panama u.a.; auch El Salvador, Costa Rica, Bolivien, Benin.

Junge Demokratien auf positivem Weg

Während man davon ausging, dass junge Demokratien eine länger währende Konsolidierungsphase bis zur Verwirklichung und Verankerung der Pressefreiheit benötigen, hat sich diese in neun erst unlängst demokratisch gewordenen Staaten unerwartet schnell etabliert: Lettland, Litauen, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Namibia, Ost-Timor.

Meinungsfreiheit auch im "freien Westen" nicht gänzlich ungefährdet

Investigativer Journalismus gerät in die Gefahr gesteuerten juristischen Zugriffs. Fälle dieser Art gab es in USA (eine Journalistin wurde dort im vorigen Jahr sogar in Beugehaft genommen, weil sie Informanten nicht preisgab), in Kanada und Frankreich.

Aufmerken ließ in der Bundesrepublik der "Fall Cicero" mit polizeilicher Durchsuchung der Redaktionsräume und Anklageerhebung gegen einen Journalisten und einen Autor; die Verfahren sind noch nicht abgeschlossen. Journalistische Verbände haben dies scharf kritisiert. Weit mehr öffentliches Aufsehen und Beunruhigung erregten die erst jetzt publik gewordene jahrelange rechtswidrige Vorgehensweise des BND. Besserer rechtlicher Schutz von Journalisten und Informanten wird inzwischen auch von der Politik gefordert. Von FDP und Bündnis 90/Die Grünen liegen entsprechende Gesetzesentwürfe vor. Öffentliche Wachsamkeit ist gerade in demokratischen Staaten eine fortwährende Notwendigkeit.

Eigener Bericht (j.z., 09.06.2006)




Weitere Informationen


Gespräch mit Imre Török: "Für die Freiheit des Wortes" (01/2008) - www.amnesty.de

Die 37 größten Feinde der Pressefreiheit 2006 (05/2007) - www.reporter-ohne-grenzen.de

Günter Nooke: Meinungs- und Pressefreiheit sind Grundpfeiler ... (03/2007) - www.igfm.de

Urteil: Karlsruhe stärkt Pressefreiheit (02/2007) - Der Fall Cicero

Weltweit 81 getötete Journalisten in 2006 (01/2007) - www.reporter-ohne-grenzen.de

Bundesregierung kritisiert BND: Es wurden Fehler gemacht (05/2006) - Die BND-Affäre

In vielen Ländern ist die Pressefreiheit zwei mal drei ... (10/2005) - www.amnesty.de



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