Zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933
in deutschen Städten
"Wer Bücher verbrennt, verbrennt bald auch Menschen"
soll schon
Heinrich Heine prophezeit haben, und so ist es denn auch gekommen.
Durch Hetzpropaganda hysterisierte, von einer Wahnideologie der verbrecherischen
neuen Machthaber verführte Angehörige der universitären und studentischen Elite
zündeten am 10. Mai 1933 in Berlin einen Scheiterhaufen für das Beste an deutscher
Literatur des frühen 20. Jahrhunderts an. Die Liste der verbrannten Bücher liest sich
im Nachhinein wie ein Ehrenregister. Eine ganze Anzahl deutscher Städte folgte im
Verlauf des Jahres bis in den Juni dem Beispiel Berlins, wovon einige nach dem Ende
des "Tausendjährigen Reiches" nicht mehr wissen wollten. Inzwischen wird immerhin
in einer ganzen Reihe dieser Orte mindestens mit einer Gedenktafel an das
erschreckende Geschehen erinnert.
Die "verbrannten Dichter" wurden zum größeren Teil auch die bis heute vergessenen Dichter
Das Andenken an die betroffenen Autoren, die in diesem verbrecherischen Vorgehen
zum Abschaum und Ungeziefer erklärt wurden, sollte ausgelöscht werden. In der
Mehrzahl der Fälle ist das auch gelungen. Viele der verfemten Autoren flohen vor
Drohender Verfolgung ins Exil, wo sie, mit wenigen prominenten Ausnahmen wie
Thomas Mann, meist unter schlechten bis elenden Bedingungen ihr Leben fristeten.
In ihrer Muttersprache weiter zu arbeiten mit der Aussicht auf Veröffentlichung war
ihnen verwehrt. Die Literaturwissenschaft arbeitet nach und nach ihr Erbe auf.
Das bedeutet jedoch keineswegs eine "Wiedergutmachung" im Hinblick auf das
klägliche, mitläuferische oder nazi-konforme Verhalten vieler Vertreter der
germanistischen Zunft an den deutschen Universitäten.
Die Ächtung von Autoren und ihren Werken in den verschiedenen Kulturen
ist so alt wie die Literaturgeschichte
Zu allen Zeiten wurden Dichter den Herrschenden missliebig, wurden verboten, verfolgt,
verbannt. Daran hat sich bis heute nichts geändert und wird sich auch vermutlich in
Zukunft nichts ändern.
(zi, Mai 2008)
Zu allen Zeiten
"Bücher und Schriftsteller werden gestern wie heute als potentielle Gefahr angesehen ...",
schreibt die französische Schriftstellerin Cécile Waijsbrot, deren Vorfahren aus Polen nach Frankreich
flüchteten, in einem Aufsatz über "Die Macht der Literatur" (Amnesty Journal, Sept. 2007) -
"Wo Bücher brennen, brennen bald auch Menschen" (Heinrich Heine) - Prophetische Worte hinsichtlich
Nazi-Deutschland.
Als der türkische Romanschriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger
Orhan Pamuk wegen
Äußerungen in einem Zeitungsinterview über den Massenmord an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts
vor Gericht gebracht werden sollte, rief ein türkischer Provinzgouverneur dazu auf,
Pamuks Bücher zu verbrennen. - Wir erinnern uns noch gut an die Ausrufung der Fatwa gegen
Salman Rushdi wegen seines Romans "Die Satanischen Verse", womit ihn die islamische politisch-religiöse
Obrigkeit für vogelfrei erklärte. Eine Million Dollar wäre seine Ermordung den Anstiftern wert gewesen,
einige Jahre später wurde der Kopfpreis sogar noch verdoppelt. Tausende von Exemplaren der
"Satanischen Verse“ flogen in Indien und in Südafrika, ja sogar in Yorkshire ins Feuer.
Ende 2007 wird
Yusuf Juma, in Usbekistan hoch geschätzter und verehrter Dichter,
verhaftet und eingesperrt. Juma schrieb ein vielbeachtetes Gedicht über das Massaker an
friedlichen Demonstranten in der Provinz Andischan im Mai 2005. Aber er richtete auch immer
wieder direkte öffentliche Proteste gegen die Gewaltherrschaft Präsident Karimovs, die schon
früher zu seiner Verhaftung führten. Ihm drohen möglicherweise Folter und Misshandlung, denn der
usbekische Machthaber geht nicht zimperlich mit seinen Gegnern um. Auch Jumas Familie ist bedroht.
Zur Zeit gibt es zahlreiche Versuche, internationale Aufmerksamkeit auf seinen Fall zu lenken und
politische Hilfe für ihn zu mobilisieren.
Freie Meinung in freizügiger oder kritischer Literatur verträgt sich so wenig mit despotischem
Machtanspruch wie kritischer und aufklärerischer Journalismus. Ob mit ihrem literarischen Werk
selbst oder mit darüber noch hinausgehendem freiheitlichem und oppositionellem Engagement
aufgrund einer bestimmten ethischen oder moralischen Grundeinstellung - kritisch Schreibende
sind den vielfältigsten Versuchen, sie zum Schweigen zu bringen, ausgesetzt. Das
berühmt-berüchtigte "Vorbild" der Inquisition wirkt in den nachfolgenden ideologischen und
politischen Diktaturen und autokratischen Einzelherrschaften bis heute fort.
Zu allen Zeiten und in allen Ländern das gleiche Trauerspiel der verschiedensten Methoden,
schreibende und öffentlich redende Menschen zum Schweigen zu verurteilen. Ob die Befürchtung
Voltaires, seiner Freiheit beraubt zu werden, weshalb er nahe der schweizer Grenze in steter
Bereitschaft lebte, im Ernstfall in die Schweiz zu flüchten; ob Rushdi unter dem Bann der Fatwa,
weshalb er sich im Exil lange vor seinen Häschern versteckte; die vielen Autoren, deren Bücher
brannten, aus Deutschland geflüchtet; all die verfemten, bedrängten und verfolgten Literaten in
allzu vielen Ländern gestern wie heute, aus ihrem Land verbannt, vertrieben oder angeklagt und
ihrer Freiheit beraubt, selbst mit dem Tod bedroht - ihre Namen sind Legion.
Beherrschung durch politisierte Religion, Ideologie und selbstherrliche Macht passt nicht zur Literatur.
Sie mag im Untergrund entstehen, auch wirken - ihr wahres Wesen entfaltet sich in Freiheit und
Voraussetzungslosigkeit. Die "absolute" Macht gaukelt sich und den von ihr Beherrschten vor,
"ewig" zu bestehen. Aber je mehr sie sich bewusst wird, dass ihre Tage unwiderruflich gezählt sind,
desto mehr Terror übt sie aus, gerade gegen die Widerstehenden. In ihrer Zeit kann sie das Erscheinen
von Büchern verbieten. Ideologien, trügerische Weltanschauungen gehen mit ihren Trägern unter.
Die Werke der von ihnen verfolgten und unterdrückten Schriftsteller leben fort.
"Was kann Stalin heute gegen Ossip Mandelstam, Wassili Grossman oder Michail Bulgakow ausrichten?"
fragt Cécil Wajjsbrot am Ende ihres Essays.
Josef Zimmermann,
für die Zeitschrift "KUNST + KULTUR", Tübingen,
zum offiziellen "Tag der Bücherverbrennung" (10. Mai 2008)
Cécile Wajsbrot: Die Macht der Literatur (09/2007) -
www.amnesty.de
Weitere Informationen
Vor 75 Jahren: Bücherverbrennung in Deutschland (05/2008) -
www.dw-world.de
233 Grad Celsius: Hochschulen erinnern an die Bücherverbrennung ... (05/2008) -
www.dradio.de
Bücherverbrennung vor 75 Jahren: "Der Staat ist erobert ..." (05/2008) -
www.sueddeutsche.de
Gedenken an 1933: Neue Bücher über die Bücherverbrennung (05/2008) -
www.sueddeutsche.de
Alfred Kantorowicz: Der Tag des freien Buches (05/1958) -
www.zeit.de
Haus der Bayerischen Geschichte: Die Bücherverbrennung 1933 -
www.hdbg.de
Universität Potsdam: Bibliothek verbrannter Bücher -
www.verbrannte-buecher.de
Weitere Berichte unter -
Nachrichten
Zum Seitenanfang