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2008: 60 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Foto: © UN UN-Kampagne:
Würde und
Gerechtigkeit
für uns alle


Amnesty Journal, © Amnesty International Journal 09/2007:
Die Macht der
Literatur



 
Themengruppe 2907, Amnesty International

10. Mai - Gedenktag gegen die Bücherverbrennung


Zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933
in deutschen Städten


"Wer Bücher verbrennt, verbrennt bald auch Menschen"

soll schon Heinrich Heine prophezeit haben, und so ist es denn auch gekommen. Durch Hetzpropaganda hysterisierte, von einer Wahnideologie der verbrecherischen neuen Machthaber verführte Angehörige der universitären und studentischen Elite zündeten am 10. Mai 1933 in Berlin einen Scheiterhaufen für das Beste an deutscher Literatur des frühen 20. Jahrhunderts an. Die Liste der verbrannten Bücher liest sich im Nachhinein wie ein Ehrenregister. Eine ganze Anzahl deutscher Städte folgte im Verlauf des Jahres bis in den Juni dem Beispiel Berlins, wovon einige nach dem Ende des "Tausendjährigen Reiches" nicht mehr wissen wollten. Inzwischen wird immerhin in einer ganzen Reihe dieser Orte mindestens mit einer Gedenktafel an das erschreckende Geschehen erinnert.

Die "verbrannten Dichter" wurden zum größeren Teil auch die bis heute vergessenen Dichter

Das Andenken an die betroffenen Autoren, die in diesem verbrecherischen Vorgehen zum Abschaum und Ungeziefer erklärt wurden, sollte ausgelöscht werden. In der Mehrzahl der Fälle ist das auch gelungen. Viele der verfemten Autoren flohen vor Drohender Verfolgung ins Exil, wo sie, mit wenigen prominenten Ausnahmen wie Thomas Mann, meist unter schlechten bis elenden Bedingungen ihr Leben fristeten. In ihrer Muttersprache weiter zu arbeiten mit der Aussicht auf Veröffentlichung war ihnen verwehrt. Die Literaturwissenschaft arbeitet nach und nach ihr Erbe auf. Das bedeutet jedoch keineswegs eine "Wiedergutmachung" im Hinblick auf das klägliche, mitläuferische oder nazi-konforme Verhalten vieler Vertreter der germanistischen Zunft an den deutschen Universitäten.

Die Ächtung von Autoren und ihren Werken in den verschiedenen Kulturen
ist so alt wie die Literaturgeschichte

Zu allen Zeiten wurden Dichter den Herrschenden missliebig, wurden verboten, verfolgt, verbannt. Daran hat sich bis heute nichts geändert und wird sich auch vermutlich in Zukunft nichts ändern.

(zi, Mai 2008)



Zu allen Zeiten

"Bücher und Schriftsteller werden gestern wie heute als potentielle Gefahr angesehen ...", schreibt die französische Schriftstellerin Cécile Waijsbrot, deren Vorfahren aus Polen nach Frankreich flüchteten, in einem Aufsatz über "Die Macht der Literatur" (Amnesty Journal, Sept. 2007) - "Wo Bücher brennen, brennen bald auch Menschen" (Heinrich Heine) - Prophetische Worte hinsichtlich Nazi-Deutschland.

Als der türkische Romanschriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk wegen Äußerungen in einem Zeitungsinterview über den Massenmord an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts vor Gericht gebracht werden sollte, rief ein türkischer Provinzgouverneur dazu auf, Pamuks Bücher zu verbrennen. - Wir erinnern uns noch gut an die Ausrufung der Fatwa gegen Salman Rushdi wegen seines Romans "Die Satanischen Verse", womit ihn die islamische politisch-religiöse Obrigkeit für vogelfrei erklärte. Eine Million Dollar wäre seine Ermordung den Anstiftern wert gewesen, einige Jahre später wurde der Kopfpreis sogar noch verdoppelt. Tausende von Exemplaren der "Satanischen Verse“ flogen in Indien und in Südafrika, ja sogar in Yorkshire ins Feuer.

Ende 2007 wird Yusuf Juma, in Usbekistan hoch geschätzter und verehrter Dichter, verhaftet und eingesperrt. Juma schrieb ein vielbeachtetes Gedicht über das Massaker an friedlichen Demonstranten in der Provinz Andischan im Mai 2005. Aber er richtete auch immer wieder direkte öffentliche Proteste gegen die Gewaltherrschaft Präsident Karimovs, die schon früher zu seiner Verhaftung führten. Ihm drohen möglicherweise Folter und Misshandlung, denn der usbekische Machthaber geht nicht zimperlich mit seinen Gegnern um. Auch Jumas Familie ist bedroht. Zur Zeit gibt es zahlreiche Versuche, internationale Aufmerksamkeit auf seinen Fall zu lenken und politische Hilfe für ihn zu mobilisieren.

Freie Meinung in freizügiger oder kritischer Literatur verträgt sich so wenig mit despotischem Machtanspruch wie kritischer und aufklärerischer Journalismus. Ob mit ihrem literarischen Werk selbst oder mit darüber noch hinausgehendem freiheitlichem und oppositionellem Engagement aufgrund einer bestimmten ethischen oder moralischen Grundeinstellung - kritisch Schreibende sind den vielfältigsten Versuchen, sie zum Schweigen zu bringen, ausgesetzt. Das berühmt-berüchtigte "Vorbild" der Inquisition wirkt in den nachfolgenden ideologischen und politischen Diktaturen und autokratischen Einzelherrschaften bis heute fort.

Zu allen Zeiten und in allen Ländern das gleiche Trauerspiel der verschiedensten Methoden, schreibende und öffentlich redende Menschen zum Schweigen zu verurteilen. Ob die Befürchtung Voltaires, seiner Freiheit beraubt zu werden, weshalb er nahe der schweizer Grenze in steter Bereitschaft lebte, im Ernstfall in die Schweiz zu flüchten; ob Rushdi unter dem Bann der Fatwa, weshalb er sich im Exil lange vor seinen Häschern versteckte; die vielen Autoren, deren Bücher brannten, aus Deutschland geflüchtet; all die verfemten, bedrängten und verfolgten Literaten in allzu vielen Ländern gestern wie heute, aus ihrem Land verbannt, vertrieben oder angeklagt und ihrer Freiheit beraubt, selbst mit dem Tod bedroht - ihre Namen sind Legion.

Beherrschung durch politisierte Religion, Ideologie und selbstherrliche Macht passt nicht zur Literatur. Sie mag im Untergrund entstehen, auch wirken - ihr wahres Wesen entfaltet sich in Freiheit und Voraussetzungslosigkeit. Die "absolute" Macht gaukelt sich und den von ihr Beherrschten vor, "ewig" zu bestehen. Aber je mehr sie sich bewusst wird, dass ihre Tage unwiderruflich gezählt sind, desto mehr Terror übt sie aus, gerade gegen die Widerstehenden. In ihrer Zeit kann sie das Erscheinen von Büchern verbieten. Ideologien, trügerische Weltanschauungen gehen mit ihren Trägern unter. Die Werke der von ihnen verfolgten und unterdrückten Schriftsteller leben fort. "Was kann Stalin heute gegen Ossip Mandelstam, Wassili Grossman oder Michail Bulgakow ausrichten?" fragt Cécil Wajjsbrot am Ende ihres Essays.

Josef Zimmermann,
für die Zeitschrift "KUNST + KULTUR", Tübingen,
zum offiziellen "Tag der Bücherverbrennung" (10. Mai 2008)


Artikel zum Download (pdf) - Zu allen Zeiten (05/2008)

Cécile Wajsbrot: Die Macht der Literatur (09/2007) - www.amnesty.de



Weitere Informationen


Rede von Horst Köhler (pdf, 05/2008) - Die Freiheit des Wortes - ein Fundament unserer Kultur

Vor 75 Jahren: Bücherverbrennung in Deutschland (05/2008) - www.dw-world.de

233 Grad Celsius: Hochschulen erinnern an die Bücherverbrennung ... (05/2008) - www.dradio.de

Bücherverbrennung vor 75 Jahren: "Der Staat ist erobert ..." (05/2008) - www.sueddeutsche.de

Gedenken an 1933: Neue Bücher über die Bücherverbrennung (05/2008) - www.sueddeutsche.de

Alfred Kantorowicz: Der Tag des freien Buches (05/1958) - www.zeit.de

Haus der Bayerischen Geschichte: Die Bücherverbrennung 1933 - www.hdbg.de

Verbrannte Bücher, verfolgte Autoren: Zur Erinnerung an ... - www.literarischegesellschaft.de

Universität Potsdam: Bibliothek verbrannter Bücher - www.verbrannte-buecher.de



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