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Koordinationsgruppe 2907, Amnesty International
 


Russische Föderation/Tschetschenien

Nationalflagge Russische Föderation


Tschetschenischer Fotograf Musa Sadulajew

Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte 2005



Fotoausstellung "Tschetschenien heute"

Fotoausstellung: Tschetschenien heute, Foto: © Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte

Quelle: Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte


Kurze Pause von der Hölle

Der in seiner Heimat mit dem Tod bedrohte tschetschenische Fotograf Musa Sadulajew ist für ein Jahr Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte.

"Das Gefühl in Sicherheit zu sein, stellt sich erst ganz langsam ein." Musa Sadulajew sitzt am Wohnzimmertisch und blickt aus dem Fenster. Vor ihm steht eine Tasse mit Tee. "Wenn eine Tür zufällt oder ein Feuerwerk losknattert, fange ich sofort an zu zittern." Elf Jahre Krieg in Tschetschenien, unterbrochen nur durch einen kurzen, unsicheren Frieden, haben tiefe Spuren hinterlassen. Sie haben sich bis in die letzten Winkel der Seele gefräst, bestimmen die kleinsten Alltagshandlungen.

Fast jeder Tschetschene hat in diesem Krieg Angehörige verloren. Die Hauptstadt Grosny liegt in Trümmern. Immer noch werden täglich Menschen von der russischen Armee verschleppt, die für Jahre in weit entfernten Gefängnissen verschwinden oder nie wieder auftauchen. Aber auch Tschetschenen selbst terrorisieren ihre Landsleute. Doch bei uns wird dieser Krieg kaum noch wahrgenommen.

Gräuel des Krieges dokumentiert

Von Beginn an hat der tschetschenische Fotograf die Gräuel des Krieges dokumentiert, zuletzt für die Nachrichtenagentur AP. Viele seiner Bilder sind um die Welt gegangen, wie etwa das von dem Bombenattentat auf Präsident Achmad Kadyrow im voll besetzten Stadion von Grosny. Nicht wenige aber sind so entsetzlich, dass sie keine Zeitung drucken würde. "Die Bilder sollen die Menschen bewegen, die die Macht haben, die Situation zu ändern", sagt er und sein freundliches, schelmisches Gesicht verdunkelt sich.

Musa Sadulajew hat sich nie irgendeiner Seite der Macht zugehörig gefühlt. Er will einfach festhalten, was passiert, auch für die kommenden Generationen. "Irgendjemand muss das tun", sagt er mit brüchiger Stimme. Mit seiner Einstellung ist er zwischen alle Fronten geraten. Musa Sadulajew lebt in ständiger Gefahr. Zumal seit mit Ausbruch des zweiten Tschetschenienkrieges vor sechs Jahren, kaum ausländische Journalisten in seine Heimat gelangen. Die russische Armee will den Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit führen.

In den letzten Jahren musste Musa Sadulajew ständig seinen Wohnsitz wechseln. "Du musst jederzeit bereit sein zu fliehen."

Deshalb wurden Musa Sadulajew und sein zehnjähriger Sohn Adam von der "Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte" für ein Jahr in die Hansestadt eingeladen. Der Fotograf soll Abstand von den schrecklichen Erlebnissen in seiner Heimat gewinnen und die Möglichkeit erhalten, seine Bilder auszustellen.

Die meisten Tschetschenen gehen durch die Hölle

Seit der Tschetschene in einer kleinen Wohnung der Stiftung in Eimsbüttel lebt, braucht er also vorerst keine Deckung mehr zu suchen, wenn es knallt. Und ins Bett kann er im Schlafanzug gehen. Was für andere eine Selbstverständlichkeit ist, erlebt der 37-Jährige als Ausnahmezustand. "Ich habe immer so geschlafen, wie ich jetzt hier sitze", sagt er und zieht an seiner Jeans. Dennoch sieht er sich nicht als Sonderfall: "Die meisten Tschetschenen gehen durch diese Hölle, müssen immer damit rechnen, dass etwas sehr schlimmes passiert." Das Leben in Hamburg erscheint ihm wie ein Märchentraum. "Die ersten Tage dachte ich, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein."

Musa Sadulajew erzählt lange und detailreich. Seinen Tee rührt er dabei nicht an. Dann setzt der Fotograf sich an den Computerbildschirm und klickt seine Bilder auf. Motive vom Hamburger Fischmarkt oder wohlbehüteten Kindern auf Spielplätzen, prallen auf Bilder aus seiner Heimat. Eine alte Frau vor einer Trümmerfassade verkauft Obst und Gemüse, ein Junge in abgerissener Kleidung spielt mit einem Granatwerferrohr. "Ich habe erst in Deutschland realisiert, wie schrecklich dieses Bild ist." Doch es gibt noch viel schlimmere Aufnahmen, die sich kaum beschreiben lassen. Immer wieder brechen dazu schockierende Erzählungen aus Musa Sadulajew heraus. "Meine Fotos bilden nur einen winzigen Tropfen ab in einem Ozean voller Leid", sagt er und sinkt in seinen Stuhl zurück. "Ich habe gefallene russische Soldaten am Straßenrand liegen sehen, die sich noch nie rasiert haben." Dann richtet sich der tschetschenische Fotograf wieder auf: "Auch die Russen brauchen doch unbedingt einen Frieden."

(September 2005)

Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte (02/2006) - Rundbrief: Musa Sadulaev (pdf)

Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte (09/2005) - Pressemitteilung: Musa Sadulajew (pdf)




Fotoband

Musa Sadulaev und Andrea Jeska

Tschetscheniens vergessene Kinder

Ein Bilderbuch "zur Sache", von beeindruckender "Direktheit" und "Genauigkeit" in der Wahl der Sujets durch den tschetschenischen Fotojournalisten Musa Sadulajew. Es sind dies vor allem Kinder in "sprechenden" Situationen in dem vom Krieg verwüsteten Land mit sowohl verstörten wie aber auch tapferen Menschen, die sich ihrer Lage stellen und auch wieder dabei sind, Lebensfreude und Hoffnung auf die Zukunft zu gewinnen.

Das Bildmaterial wird ergänzt von den unmittelbar bewegenden Situationsbeschreibungen der deutschen Journalistin Andrea Jeska, die den Eindruck, den die Bilder vermitteln, eher noch intensivieren. Texte und Fotos dokumentieren das, was Thomas Roth, vormals Russland-Korrespondent, heute Leiter des ARD-Studios in Moskau, in seinem Vorwort anspricht:

"Als Korrespondent habe ich über beide Tschetschenienkriege berichtet. Dennoch konnten wir Journalisten das Kriegsgebiet und das in Trümmern liegende Grosny wieder verlassen, während die Menschen dort zurückblieben und all dem auf Dauer ausgesetzt waren. Den Morden, den Toten, dem Hunger und der Verzweiflung."

Aus den Bildern spricht diese Mischung aus Angst und Hoffnung, jene immer wiederkehrende Befindlichkeit der Menschen nach Katastrophen. Der Willen, nicht nur zu überleben, sondern in Frieden und mit Freude zu leben, stellt sich umso augenscheinlicher dar in den Kindern, die der Bildband, seinem Titel entsprechend, vor allem zeigt. (Amnesty Journal 11/2007, Josef Zimmermann, 07.02.2008)

Ein Fotobuch von Musa Sadulaev (Fotos) und Andrea Jeska (Text).
Mit einem Vorwort von Thomas Roth.
Brendow Verlag, Moers,
Hardcover, ca. 22 x 20 cm,
144 Seiten mit 100 Fotos,
Oktober 2007

Weitere Informationen unter - www.brendow-verlag.de




Weitere Informationen


Arte Kultur: Musa Sadulajew (05/2006) - www.arte.tv/de

Sadulajew: "Ich erzähle die Geschichte meines Volkes" (02/2006) - www.amnesty.de

Jahrbuch Menschenrechte 2001 - Die Menschenrechtslage in Tschetschenien (pdf)

Jahrbuch Menschenrechte 2001 - Menschenrechte in Tschetschenien (pdf)

Portfolio: Musa Sadulaev - www.geo.de

Zur Webseite von Musa Sadulajew - www.musa-sadulajew.com



Weitere Berichte unter - Nachrichten / Osteuropa


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