Tschetschenischer Fotograf Musa Sadulajew
Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte 2005
Fotoausstellung "Tschetschenien heute"
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Quelle: Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte
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Kurze Pause von der Hölle
Der in seiner Heimat mit dem Tod bedrohte tschetschenische Fotograf Musa
Sadulajew ist für ein Jahr Gast der Hamburger Stiftung für politisch
Verfolgte.
"Das Gefühl in Sicherheit zu sein, stellt sich erst ganz langsam
ein." Musa Sadulajew sitzt am Wohnzimmertisch und blickt aus dem Fenster.
Vor ihm steht eine Tasse mit Tee. "Wenn eine Tür zufällt oder
ein Feuerwerk losknattert, fange ich sofort an zu zittern." Elf Jahre
Krieg in Tschetschenien, unterbrochen nur durch einen kurzen, unsicheren
Frieden, haben tiefe Spuren hinterlassen. Sie haben sich bis in die letzten
Winkel der Seele gefräst, bestimmen die kleinsten Alltagshandlungen.
Fast jeder Tschetschene hat in diesem Krieg Angehörige verloren. Die
Hauptstadt Grosny liegt in Trümmern. Immer noch werden täglich
Menschen von der russischen Armee verschleppt, die für Jahre in weit
entfernten Gefängnissen verschwinden oder nie wieder auftauchen. Aber auch
Tschetschenen selbst terrorisieren ihre Landsleute. Doch bei uns wird dieser
Krieg kaum noch wahrgenommen.
Gräuel des Krieges dokumentiert
Von Beginn an hat der tschetschenische Fotograf die Gräuel des Krieges
dokumentiert, zuletzt für die Nachrichtenagentur AP. Viele seiner Bilder
sind um die Welt gegangen, wie etwa das von dem Bombenattentat auf
Präsident Achmad Kadyrow im voll besetzten Stadion von Grosny. Nicht
wenige aber sind so entsetzlich, dass sie keine Zeitung drucken würde.
"Die Bilder sollen die Menschen bewegen, die die Macht haben, die
Situation zu ändern", sagt er und sein freundliches, schelmisches
Gesicht verdunkelt sich.
Musa Sadulajew hat sich nie irgendeiner Seite der Macht zugehörig
gefühlt. Er will einfach festhalten, was passiert, auch für die
kommenden Generationen. "Irgendjemand muss das tun", sagt er mit
brüchiger Stimme. Mit seiner Einstellung ist er zwischen alle Fronten
geraten. Musa Sadulajew lebt in ständiger Gefahr. Zumal seit mit Ausbruch
des zweiten Tschetschenienkrieges vor sechs Jahren, kaum ausländische
Journalisten in seine Heimat gelangen. Die russische Armee will den Krieg unter
Ausschluss der Öffentlichkeit führen.
In den letzten Jahren musste Musa Sadulajew ständig seinen Wohnsitz
wechseln. "Du musst jederzeit bereit sein zu fliehen."
Deshalb wurden Musa Sadulajew und sein zehnjähriger Sohn Adam von der
"Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte" für ein Jahr in die
Hansestadt eingeladen. Der Fotograf soll Abstand von den schrecklichen
Erlebnissen in seiner Heimat gewinnen und die Möglichkeit erhalten, seine
Bilder auszustellen.
Die meisten Tschetschenen gehen durch die Hölle
Seit der Tschetschene in einer kleinen Wohnung der Stiftung in Eimsbüttel
lebt, braucht er also vorerst keine Deckung mehr zu suchen, wenn es knallt. Und
ins Bett kann er im Schlafanzug gehen. Was für andere eine
Selbstverständlichkeit ist, erlebt der 37-Jährige als Ausnahmezustand.
"Ich habe immer so geschlafen, wie ich jetzt hier sitze", sagt er und
zieht an seiner Jeans. Dennoch sieht er sich nicht als Sonderfall: "Die
meisten Tschetschenen gehen durch diese Hölle, müssen immer damit
rechnen, dass etwas sehr schlimmes passiert." Das Leben in Hamburg
erscheint ihm wie ein Märchentraum. "Die ersten Tage dachte ich, auf
einem anderen Planeten gelandet zu sein."
Musa Sadulajew erzählt lange und detailreich. Seinen Tee rührt er
dabei nicht an. Dann setzt der Fotograf sich an den Computerbildschirm und
klickt seine Bilder auf. Motive vom Hamburger Fischmarkt oder
wohlbehüteten Kindern auf Spielplätzen, prallen auf Bilder aus seiner
Heimat. Eine alte Frau vor einer Trümmerfassade verkauft Obst und
Gemüse, ein Junge in abgerissener Kleidung spielt mit einem
Granatwerferrohr. "Ich habe erst in Deutschland realisiert, wie
schrecklich dieses Bild ist." Doch es gibt noch viel schlimmere Aufnahmen,
die sich kaum beschreiben lassen. Immer wieder brechen dazu schockierende
Erzählungen aus Musa Sadulajew heraus. "Meine Fotos bilden nur einen
winzigen Tropfen ab in einem Ozean voller Leid", sagt er und sinkt in
seinen Stuhl zurück. "Ich habe gefallene russische Soldaten am
Straßenrand liegen sehen, die sich noch nie rasiert haben." Dann
richtet sich der tschetschenische Fotograf wieder auf: "Auch die Russen
brauchen doch unbedingt einen Frieden."
(September 2005)
Fotoband
Musa Sadulaev und Andrea Jeska
Tschetscheniens vergessene Kinder
Ein Bilderbuch "zur Sache", von beeindruckender "Direktheit" und "Genauigkeit"
in der Wahl der Sujets durch den tschetschenischen Fotojournalisten
Musa Sadulajew. Es sind dies vor allem Kinder in "sprechenden" Situationen
in dem vom Krieg verwüsteten Land mit sowohl verstörten wie aber auch tapferen Menschen,
die sich ihrer Lage stellen und auch wieder dabei sind, Lebensfreude
und Hoffnung auf die Zukunft zu gewinnen.
Das Bildmaterial wird ergänzt von den unmittelbar bewegenden Situationsbeschreibungen
der deutschen Journalistin Andrea Jeska, die den
Eindruck, den die Bilder vermitteln, eher noch intensivieren. Texte und Fotos
dokumentieren das, was Thomas Roth, vormals Russland-Korrespondent, heute
Leiter des ARD-Studios in Moskau, in seinem Vorwort anspricht:
"Als Korrespondent habe ich über beide Tschetschenienkriege berichtet.
Dennoch konnten wir Journalisten das Kriegsgebiet und das in Trümmern liegende
Grosny wieder verlassen, während die Menschen dort zurückblieben und all dem
auf Dauer ausgesetzt waren. Den Morden, den Toten, dem Hunger und
der Verzweiflung."
Aus den Bildern spricht diese Mischung aus Angst und Hoffnung, jene immer wiederkehrende
Befindlichkeit der Menschen nach Katastrophen. Der Willen,
nicht nur zu überleben, sondern in Frieden und mit Freude zu leben, stellt sich umso
augenscheinlicher dar in den Kindern, die der Bildband, seinem Titel entsprechend,
vor allem zeigt. (Amnesty Journal 11/2007, Josef Zimmermann, 07.02.2008)
Ein Fotobuch von Musa Sadulaev (Fotos) und Andrea Jeska (Text).
Mit einem Vorwort von Thomas Roth.
Brendow Verlag, Moers,
Hardcover, ca. 22 x 20 cm,
144 Seiten mit 100 Fotos,
Oktober 2007
Weitere Informationen
Arte Kultur: Musa Sadulajew (05/2006) -
www.arte.tv/de
Sadulajew: "Ich erzähle die Geschichte meines Volkes" (02/2006) -
www.amnesty.de
Portfolio: Musa Sadulaev -
www.geo.de