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Länderberichte, © Amnesty International Länderberichte
Turkmenistan


Amnesty-Aktion: Für die Freilassung von Annakurban Amanklitschew und Spardurdi Chadschijew, 14.09.2007, Foto: Amnesty International


EinSatz für die Menschenrechte, Amnesty International
AI-Kampagne



 
Themengruppe 2907, Amnesty International
 


Turkmenistan

Nationalflagge Turkmenistan


Foto: Catherine Berthillier/Galaxie Presse/Amnesty International
Annakurban Amanklitschew

Annakurban Amanklitschew
und Sapardurdi Chadschijew
zu sieben Jahren Haft verurteilt

Vorwürfe gegen die Journalisten offenkundig konstruiert; die Journalistin Ogulsapar Muradowa ist im Hochsicherheitsgefängnis an den Folgen schwerer Folter gestorben.
In Kooperation mit der französischen Medienproduktionsfirma „Galaxie Presse“ produzierte der britische Rundfunksender BBC einen Bericht über das Gesundheitswesen und die Menschenrechtslage in Turkmenistan, der über "BBC World Service" und "BBC Radio 4" ausgestrahlt wurde.

An der Entwicklung dieser Produktion soll der turkmenische Journalist Annakurban Amanklitschew beteiligt gewesen sein. Wie sein 47-jähriger Kollege Sapardurdi Chadschijew ist der 35-jährige Amanklitschew Mitglied der nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisation "Turkmenistan Helsinki Foundation" (THF). Sapardurdi Chadschijew ist der Schwager der im bulgarischen Exil lebenden Leiterin der Organisation, Tadschigul Begmedowa. Die THF hat Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Turkmenistan veröffentlicht.

Am 16. bzw. 18. Juni 2006 wurden Annakurban Amanklitschew und Sapardurdi Chadschijew sowie die 58-jährige Ogulsapar Muradowa, ehemaliges THF-Mitglied, Korrespondentin von "Radio Liberty" und Mitarbeiterin von „Galaxie Presse“, von turkmenischen Behörden festgenommen. In einem tags darauf vom staatlichen turkmenischen Fernsehen ausgestrahlten Bericht erklärte der turkmenische Minister für Nationale Sicherheit auf einem Treffen mit Vertretern der Sicherheitsorgane,

Annakurban Amanklitschew sei an "subversiven Aktivitäten" beteiligt gewesen. Er habe "auf Anweisung von (...) Vaterlandsverrätern und Zentren der Destabilisierung im Ausland versucht, verleumderische Informationen über Turkmenistan zu sammeln und Unzufriedenheit unter den Menschen zu schüren". Annakurban Amanklitschew habe in der Ukraine gelernt, "wie man geheimdienstliche Informationen sammelt und Sabotage in Turkmenistan verübt, sowie Methoden, wie sie in der 'Orangenen Revolution' in der Ukraine angewandt wurden". Der Journalist hatte an Schulungskursen über Menschenrechtsthemen in Polen und der Ukraine teilgenommen. Die staatlich kontrollierte Tageszeitung "Neutrales Turkmenistan" dehnte die Vorwürfe des Vaterlandsverrates auf Sapardurdi Chadschijew und Ogulsapar Muradowa aus.

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die drei Journalisten in der Untersuchungshaft gefoltert wurden, um so Geständnisse zu erpressen und sie zu veranlassen, sich gegenseitig zu beschuldigen. Ihre Anwälte wurden unter Druck gesetzt, die Verwandten nicht über die Einschränkung der Rechte der Inhaftierten zu informieren.

Kein faires Gerichtsverfahren

Der Prozess entsprach bei weitem nicht den Standards für ein faires Gerichtsverfahren. So wurde den Verteidigern die Anklageschrift vor Prozessbeginn nicht ausgehändigt. Internationale Beobachter und die Familienangehörigen der Angeklagten wurden am Betreten des Gerichtssaals gehindert. Beamte des Ministeriums für nationale Sicherheit saßen in einem Fahrzeug nahe des Gerichtsgebäudes und filmten jeden, der sich dem Gericht näherte. Andere Beamte, die auf der Straße postiert waren, zeichneten die Namen aller Anwesenden auf, die sie identifizieren konnten.

Die Richter benötigten für die Urteilssprechung am 25. August 2006 weniger als zwei Stunden. Ogulsapar Muradowa wurde zu sechs, Annakurban Amanklitschew und Sapardurdi Chadschijew wurden zu sieben Jahren Haft verurteilt. Doch das Urteil gegen die drei Journalisten beruhte schließlich nicht auf den ursprünglichen und in der Anklageschrift aufgeführten Vorwürfen der Spionage und des Landesverrats, sondern nach § 287 II des turkmenischen Strafgesetzbuches auf der "illegalen Beschaffung, dem Besitz oder Verkauf von Munition und Schusswaffen". Demnach soll Sapardurdi Chadschijew in seinem Sommerhaus Patronen gefunden und diese in Ogulsapar Muradowas Haus Annakurban Amanklitschew gegeben haben, um sie zu verkaufen.

Augenzeugenberichten zufolge hatten vor der Festnahme Amanklitschews am 16. Juni 2006 fünf Agenten des Geheimdienstes ein Paket in seinem Auto platziert, in dem sich Rauschgift oder Waffen befunden haben sollen. Amanklitschew soll bereits seit einem Jahr observiert worden sein. Bis heute haben weder Anwälte noch Angehörige eine Kopie des Urteils erhalten. Offenkundig wurden die Vorwürfe gegen die Journalisten konstruiert und könnten einem nach internationaler Norm verlaufendem Verfahren nicht standhalten.

Ogulsapar Muradowa, Foto: privat/Amnesty International

Für Ogulsapar Muradowa kommt jede Hilfe zu spät

Doch die Familie von Ogulsapar Muradowa kann nicht mehr auf eine Revision des Urteils gegen die Journalistin hoffen. Wie im September 2006 bekannt wurde, starb Ogulsapar Muradowa nach langen Qualen in einem Hochsicherheitsgefängnis an den Folgen schwerer Folter. Sie hatte eine tiefe Kopfwunde und innere Blutungen an Leber und Niere, denen sie nach vermutlich acht- bis zehntägigem Leiden erlag. Dass die gewaltlosen politischen Gefangenen Annakurban Amanklitschew und Sapardurdi Chadschijew besser behandelt werden als Ogulsapar Muradowa, ist kaum zu erwarten.

Hintergrundinformation

Die massive Unterdrückung der bürgerlichen und politischen sowie der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte ist in Turkmenistan an der Tagesordnung.

Die jüngsten Festnahmen sind Teil einer bereits mehrere Jahre währenden Welle der Repression gegen kritische Stimmen. So werden Menschenrechtsverteidiger, politische Dissidenten, Angehörige religiöser Minderheiten und deren Familien routinemäßig drangsaliert, willkürlich inhaftiert, gefoltert oder nach unfairen Prozessen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Viele sahen sich in den vergangenen Jahren gezwungen, das Land zu verlassen, während andere offenbar auf einer schwarzen Liste stehen und nicht ausreisen dürfen.

Die THF wurde 2003 gegründet und hat seitdem Informationen über Haftbedingungen und Gerichtsurteile gegen Dutzende von Personen veröffentlicht, die wegen eines angeblichen Umsturzversuches im Jahr 2002 zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Bereits zuvor hatten Behörden versucht, die Menschenrechtsgruppierung zum Schweigen zu bringen. Viele Korrespondenten von "Radio Liberty" sind von den turkmenischen Behörden schikaniert, willkürlich inhaftiert und misshandelt worden. Die Berichterstattung des Rundfunksenders über das Regime ist sehr kritisch, und häufig kommen darin Dissidenten im Lande oder aus dem Exil sowie Vertreter von Menschenrechtsorganisationen zu Wort.



Amnesty International fordert die turkmenische Regierung auf,

  • die beiden Journalisten Annakurban Amanklitschew und Sapardurdi Chadschijew umgehend freizulassen, da sie gewaltlose politische Gefangene sind;


  • solange sie noch in Haft sind, den Inhaftierten Besuchsrechte für Angehörige, Anwälte ihrer Wahl und unabhängige Ärzte zu gewähren;


  • die Foltervorwürfe im Vorfeld des Gerichtsverfahrens umfassend und unabhängig zu untersuchen;


  • den Anwälten und Angehörigen der Verurteilten eine Kopie des Urteils auszuhändigen;


  • die Gefangenen vor weiteren Misshandlungen zu schützen.


(Amnesty International Deutschland, November 2006)

Unsere Themengruppe - Einsatz für Journalisten - Im Gedenken an Ogulsapar Muradowa




Weitere Informationen


Pressefreiheit in Zentralasien (01/2007) - Besonders massive Unterdrückung in Turkmenistan

Anadurdy Khajiyev: A Cry for Help in Turkmenistan (12/2006) - www.washingtonpost.com

Nach dem Tod des turkmenischen Präsidenten Nijasow (12/2006) - www.amnesty.de

Director-General voices grave concern ... Ogulsapar Muradova (09/2006) - portal.unesco.org

Turkmenische Bürgerrechtlerin Muradowa im Gefängnis gestorben (09/2006) - www.dw-world.de

Ogulsapar Muradowa: Briefe gegen das Vergessen (09/2006) - www.amnesty.de

Ogulsapar Muradowa: Willkürliche Inhaftierung, drohende Folter (07/2006) - www.amnesty.de

Turkmenistan: Festnahmen wegen ungenehmigter Filmaufnahmen (06/2006) - www.dw-world.de




Turkmenische Menschenrechtlerin in Berlin

An der Amnesty International-Pressekonferenz zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2006 in Berlin nahm auch die Menschenrechtlerin Tadschigul Begmedowa teil.
Tadschigul Begmedowa auf der AI-Pressekonferenz, Foto: Amnesty International Tadschigul Begmedowa ist Vorsitzende der Turkmenistan Helsinki Foundation und die Schwägerin des Inhaftierten Sapardurdi Chadschijew. Bewegend schilderte sie die Schicksale von Annakurban Amanklitschew, Sapardurdi Chadschijew und der verstorbenen Ogulsapar Muradowa.

"Wir brauchen Ihre Unterstützung", forderte Tadschigul Begmedowa, die im Exil in Bulgarien lebt: "Je größer der internationale Druck auf die turkmenische Regierung ist, desto größer ist die Chance, dass Amanklitschew und Chadschijew aus der Haft entlassen werden."

(Amnesty International Deutschland, Februar 2007)



Weitere Artikel unter - Nachrichten / Zentralasien / Turkmenistan


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