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Dichterin Mahasweta Devi auf der Frankfurter Buchmesse 2006
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Ein Porträt
Verknüpfung von Fakten und Fiktion
Mahasweta Devi schockiert. Mit der kühlen Distanz der Beobachterin
beschreibt sie Grauenerregendes wie Mord oder Vergewaltigung in einem kühlen, nüchternen Stil.
Sie gilt als das soziale Gewissen Bengalens, schreibt konsequent gegen Machtmissbrauch und Korruption
an und setzt sich vehement für die Rechte der Adivâsi ein, der indigenen ethnischen Gruppen Indiens,
deren Überlebenschancen bedroht sind. Monika Carbe porträtiert die engagierte Autorin.
Konsequent bleibt Mahasweta Devi bei ihrer literarischen Sprache, Bengali. Während viele indische
AutorInnen sich für Englisch als Literatursprache entschieden haben, aus Gründen, die auch etwas mit
internationaler Anerkennung zu tun haben, schreibt sie in einer Sprache mit heute schätzungsweise 200
Millionen SprecherInnen, in der Sprache Rabindranath Tagores, dem sie sich verpflichtet sieht.
Ihr literarisches Mittel ist "radical fiction", ein Begriff, der im Angelsächsischen und Amerikanischen
für eine Mischung aus Dokumentarstil und Fiktion steht und z.B. für die sozialkritischen Romane von
Charles Dickens gilt.
Mahasweta Devi (geboren 1926 in Dhaka, damals im indischen Ost-Bengalen, heute Hauptstadt von Bangladesh)
stammt aus einer Familie, in der viele Familienmitglieder, Männer wie Frauen, als Literaten, bildende
Künstler oder Regisseure arbeiteten und sich für den Widerstand gegen die britische Kolonialmacht einsetzten.
Sie kommt also aus einem Milieu der intellektuellen Avantgarde mit sozialrevolutionären Ansätzen. Als Kind
besuchte sie die von Tagore im Jahr 1901 gegründete pädagogische Legende Shantiniketan, ging später in
Kalkutta zur Schule, besuchte dort das Ashutosh College und studierte danach wieder in Shantiniketan, der
mit Alexander Neill's "Summerhill" vergleichbaren Schule mit Internatsbetrieb, die jedoch wesentlich früher
ins Leben gerufen wurde und nicht nur Schule sondern auch Universität ist. Ihr Fach, Englische Sprache und
Literatur, schloss sie 1946 - vorläufig - mit dem Bachelor of Arts ab. Tagore starb 1941 im Alter von
80 Jahren; als Schülerin hat sie ihn noch persönlich erlebt und ist durch seine Schule geprägt, in der die
Förderung der Kreativität Vorrang vor herkömmlichen Erziehungsmethoden hat.
1947 heiratete sie Bijon Bhattacharya, einen Dramatiker mit sozialkritischem Engagement; ein Jahr später
wurde ihr einziges Kind, ihr Sohn Nabarun geboren, heute ein Schriftsteller mit einem relativ hohen
Bekanntheitsgrad in Indien. Vierzehn Jahre später ließ sie sich scheiden. Sie studierte weiter, legte
1963 die Prüfung zum M.A. in Anglistik an der University of Calcutta ab und lehrte danach 20 Jahre lang am
Bijaygar Jyotish Roy College von Kalkutta englische Literatur.
Romane und Erzählungen
Sie war 30, als ihr erstes Buch Jhansir Rani (Die Königin von Jhansi) erschien, ein historischer Roman,
der den Widerstandskampf gegen die Kolonialmacht im 19. Jahrhundert zum Thema hat. Seit dieser Zeit
erscheinen in rascher Folge Romane und Erzählungen. So 1974 Hajar Churashir Mâ ein Roman, der erst jetzt
auf Deutsch (Mutter von 1084, Übers. Aparajita Koch, Bonner Siva Series, Bonn 2003) vorliegt. Hier geht
es um die Trauer einer Mutter, Sujâtâ Chatterjee, um ihren ermordeten Sohn, der als Leichnam die Nummer
1084 trägt. Zwischen März 1970 und August 1971 wurden allein in Kalkutta über 1.500 Aufständische, darunter
vor allem junge Leute, getötet. Sie wurden Opfer der Niederschlagung des Naxalitenaufstands, einer
Bauernbewegung, die 1967 in der Nähe von Naxalbârî, einem Dorf im Norden Westbengalens begann, später
auf Kalkutta übergriff und hier zuerst Studenten und junge Arbeiter in ihren Bann zog. Erzählt wird die
Geschichte vom Tod des 19-jährigen Bratî aus der Retrospektive, zwei Jahre nach dem Ereignis aus der
Sicht der 50-jährigen Mutter, Sujâtâ Chatterjee, Ehefrau eines Geschäftsmanns, der um seinen Ruf fürchtet,
wenn ruchbar wird, dass er der Vater eines Terroristen ist.
Während Mahasweta Devi sich vor der Niederschrift dieses Romans vorwiegend mit Stoffen aus der britischen
Kolonialzeit beschäftigt hatte, sah sie als Anteil nehmende Beobachterin der Niederwerfung des Aufstands
die Notwendigkeit, etwas Aktuelles zu dokumentieren, das Unrecht vor allem, das den Revolutionären
angetan wurde - und das Unrecht, das sie einander durch Verrat antaten. Ihre Protagonistin versucht,
ihren Sohn und sein Motiv, sich den Rebellen anzuschließen, zu begreifen, besucht seine Freunde, eine
andere trauernde Mutter und hört von der damaligen Freundin Bratîs von der Brutalität der Polizeiverhöre,
bei denen die junge Frau fast das Augenlicht verlor. Zugleich nimmt die Autorin das häusliche Milieu der
Geschäftsleute, dem Sujâtâ angehört, satirisch unter die Lupe; Doppelzüngigkeit und Heuchelei der
Gesellschaft werden mit satirischer Schärfe gegeißelt.
Lebenswelt der Adivâsi
Mitte der 70er Jahre begann Mahasweta Devi sich intensiv mit der Situation der Adivâsi in den
Bundesstaaten Bihar und Madya Pradesh zu beschäftigen. In zahlreichen Romanen hat sie von 1975 an vor
der Ausgrenzung, oder, genauer gesagt, vor der realen Gefahr des Aussterbens der Adivâsi gewarnt, die
in Indien 1991 mit 67,7 Millionen Menschen acht Prozent der Bevölkerung des Subkontinents ausmachten;
sie sind Nachkommen der "Ureinwohner", die das Land schon besiedelten oder als Nomaden durchwanderten,
bevor etwa im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung die "aryas", die Eroberer, kamen. Sie sind Menschen,
die außerhalb jedes Kastensystems stehen, Menschen, die Generationen und Abergenerationen lang marginalisiert
waren.
1985 erschien Daulati, (Daulati, Übers. Heidelberger Südasiengruppe, Bonner Siva Series, Bonn 2002),
ein Roman, der seinen LeserInnen ein robustes Nervenkostüm abverlangt, wenn sie mit der Brutalität der
Schilderung innerlich fertig werden wollen. Thema ist die unfreiwillige Prostitution eines Mädchens,
das der Vater verkaufen musste, um seine Schulden zu tilgen. Er und seine Familie gehören den Nâgesiyâ an,
den Ärmsten der Armen im Bundesstaat Bihar. Am Beispiel von Daulati wird, mal in Zeitlupe, mal im Zeitraffer,
die Geschichte zum großen Teil aus der Perspektive des verkauften Mädchens über einen Zeitraum von mehr als
zehn Jahren erzählt. Es ist erstaunlich, mit welch kargen Mitteln die Autorin, mitfühlend und mitleidend,
zugleich aber aus eiskalter Distanz eine Atmosphäre des inneren Grauens schafft.
Als Summe ihrer Erfahrungen mit der Lebenswelt der Adivâsi, beschreibt Mahasweta Devi ihren Roman Terodaktil,
Pûransahây o Pirthâ (Proma Publ., Calcutta 1989; dt. Pterodactylus, Übers. Heidelberger Südasiengruppe,
Bonner Sivas Series, Bonn 2000). Der Schatten des "Pterodactylus", eines ausgestorbenen Flugsauriers,
bestimmt wie ein Menetekel die Handlung der Geschichte. Hier stoßen die Interessen der Geschäftsleute
von Industrie und Hightech mit archaischer Lebensweise zusammen, und der Vogel mit den Fledermausflügeln
symbolisiert das Irrationale, das Imaginäre, das sich vom Glauben der Adivâsi in die Gedankenwelt des
Protagonisten Pûran hinüberrettet, zum anderen aber auch - im fiktiven System des Romans - ganz konkret
Zuflucht in seiner Schlafkammer sucht. Pûran, ein sensibler Journalist, mit allen Wassern der westlichen
wie der indischen Bildung gewaschen, kommt in ein Dorf der Adivâsi und begreift, dass zwischen ihren
Lebensumständen und dem Stil, in dem sich sein Leben abspielt, eine unüberwindbare Kluft herrscht -
es sind Vorstellungswelten mit jeweils anderen Dimensionen, die sich nicht überbrücken lassen.
In den Roman eingestreut sind Fakten mit Berichtscharakter; und Fakten und Fiktion sind so eng
miteinander verknüpft, dass dokumentarische Passagen und die Erzählhandlung einen Bruch bilden; dies
aber scheint beabsichtigt zu sein, um bewusst zu irritieren.
Kritische Distanz
Mahasweta Devi beschönigt oder idealisiert nichts und erzählt aus kritischer Distanz, mit der Wirkung,
dass soziale und kulturelle Widersprüche schonungslos aufgedeckt werden. Dabei mag es das eine oder
andere Mal zu "essayistisch belehrenden, anklagenden Passagen" kommen, wie Martin Kämpchen in einer
Rezension des Pterodactylus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahre 2000 schrieb, dabei mag der
soziale Anspruch manches Mal überdeutlich sein, und dennoch schmälert die eindeutig moralische Haltung
der Autorin nicht ihre Brillanz als Erzählerin.
Die Tatsache, dass sie so konsequent in ihrer Sprache schreibt, hat allerdings auch dazu geführt, dass
sie erst Mitte der neunziger Jahre ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit getreten ist, dank der Initiative
einer US-amerikanischen, sozial engagierten Literaturwissenschaftlerin: Imaginary Maps - Three Stories
wurde 1995 von Gayatri Chakravorty Spivak in New York herausgegeben. Drei Erzählungen Mahasweta Devis hat
sie ins Englische übersetzt und mit einem ausführlichen Kommentar versehen, mit dem sie auf die Verknüpfung
von Literatur und sozialem Engagement im Werk der bengalischen Schriftstellerin hinweist. 2000 nannte
Françoise Chipaux sie in einem ganzseitigen Porträt in Le Monde bewundernd eine "Romanautorin, soziale
Aktivistin, Herausgeberin einer Zeitschrift, die auch denen offen steht, die ansonsten nicht gehört werden,
und investigative Journalistin." Mittlerweile sollen es etwa hundert Bücher sein, die von Mahasweta Devi
erschienen sind, darunter auch Essaybände, Theaterstücke und Kinderbücher.
Es ist das Verdienst von Seagull Books, Kalkutta, dass ihre gesammelten Werke nunmehr auch auf Englisch
erscheinen und dadurch weltweit rascher Anerkennung finden können. Der Heidelberger Südasiengruppe, der
u.a. der Publizist Christian Weiß angehört, ist es zu verdanken, dass seit dem Jahr 2000 drei Bücher Devis
aus dem Bengalischen übertragen wurden und bei dem kleinen Verlag der Bonner Siva Series erschienen sind.
Bis Pterodactylus herauskam, waren Devis Texte deutschsprachigen LeserInnen nur vereinzelt zugänglich,
in Zeitschriften und Anthologien verstreut.
In drei Jahren wird Mahasweta Devi 80. Sie ist aktiv wie eh und je, schreibt immer noch Kolumnen, hat
zahlreiche Preise für ihr Werk erhalten, die Preisgelder aber den bedrohten Völkern Indiens zur Verfügung
gestellt. Als sie von der indischen Zeitschrift Outlook im Jahr 1997 nach ihren Anfängen gefragt wurde,
antwortete sie: "Ich fing früh an zu schreiben, jedoch nicht mit einer bestimmten Absicht. Was man heutzutage
soziales Engagement nennt, das kam viel später. Sollen die Leute doch selbst entscheiden, was sie in mir sehen."
Monika Carbe (2003)
Indische Schriftstellerin und Menschenrechtlerin (05/2007) -
www.suedasien.info
Indische Literatur für junge Leser: Zwischen Tradition und Bollywood (02/2007) -
www.dradio.de
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Das Mädchen Warum-Warum
Das erste Bilderbuch der engagierten indischen Autorin, die sich besonders für die
Rechte von Minderheiten und Stammesangehörigen einsetzt. Moyna ist sechs Jahre alt, lebt
in einem kleinen Dorf und kann nicht zur Schule gehen, weil sie Ziegen hüten und Wasser
und Holz holen muss. Doch weil sie immer "Warum?" fragt, lernt sie eines Tages doch lesen
und schreiben. (www.litprom.de)
Kinder- und Jugendbuch. Illustriert von Kanyika Kini.
Aus dem Englischen von Hans-Martin Kunz.
Draupadi Verlag, Heidelberg,
28 Seiten, 2006.
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Aufstand im Munda-Land
Der in diesem Roman beschriebene historische Aufstand der Mundas Ende des 19. Jahrhunderts
in einer Region etwa 400 Kilometer westlich von Kalkutta stellt den Höhepunkt dieser
Entwicklung dar. Birsa Munda, der Anführer dieses Kampfes, starb unter ungeklärten
Umständen im Gefängnis. Er war noch keine 30 Jahre alt. Seine charismatische Erscheinung,
seine rhetorischen und strategischen Fähigkeiten und nicht zuletzt sein früher Tod haben
Birsa Munda zum Mythos werden lassen.
Mahasweta Devi hat mit diesem Buch die Spuren der
Besiegten nachgezeichnet. Eindringlich stellt sie die Lebensumstände und die immerwährende
Ausbeutung der Mundas, den Werdegang Birsas und die unausweichliche Konfrontation mit den
Herrschenden dar. Es gelingt ihr, die Person Birsa und die mythische Dimension seines
Kampfes fühlbar zu machen. Die Autorin erhielt für dieses Werk 1979 ihre erste große
literarische Auszeichnung in Indien.
Historischer Roman. Aus dem Bengalischen von Barbara Das Gupt.
Horlemann Verlag, Bad Honnef,
288 Seiten, 2005.
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Daulati
Über die Bedingungen der unterdrückten und am Rand
der Gesellschaft lebenden Adivâsi in Bengalen.
Die Erfahrungen der Nagesiya-Stammesangehörigen Benno, Ganori und dessen Tochter
Daulati machen das zentrale Thema dieses Romans anschaulich: das System der
Schuldknechtschaft oder abhängigen Armut im ländlichen Indien.
Besonders eindringlich beschreibt die Autorin das Schicksal des Mädchens Daulati,
das ahnungslos entführt und dazu gezwungen wird, eine Geldschuld ihres Vaters durch
Prostitution abzuarbeiten.
Roman. Aus dem Bengalischen herausgegeben und übertragen von der Heidelberger Südasiengruppe.
Bonner Siva Series, Bonn,
159 Seiten, 2002.
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Mutter von Nummer 1084
Bratî, der junge Rebell, von halblegalen Truppen mit stillschweigender
Billigung der Regierung erschossen, trägt als Leichnam die No. 1084; die
toten Revolutionäre werden durchnummeriert. Bratîs Mutter, Sujâtâ,
wird von der Polizei ins Leichenschauhaus beordert, um ihren Sohn zu identifizieren.
Zwei Jahre nach dem Naxalitenaufstand, der 1970/71 aus den Dörfern im Norden
Westbengalens auf Kalkutta übergegriffen hatte, beginnt der Roman, den Mahasweta Devi
der Trauer der Mütter gewidmet hat.
Roman. Aus dem Bengalischen von Aparajita Koch.
Herausgegeben und übertragen von der Heidelberger Südasiengruppe.
Bonner Siva Series, Bonn,
191 Seiten, 2002.
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Pterodactylus
In diesem Roman geht es um den Ureinwohner-Stamm der Adivasis, seine
Vernachlässigung durch die indische Regierung. Ein Journalist besucht ein Adivasi-Dorf,
in dem das Auftauchen eines urzeitlichen Vogels, des Pterodactylus, die Abergläubischen
unter den Einwohnern beunruhigt.
Roman. Herausgegeben und übertragen von der Heidelberger Südasiengruppe.
Bonner Siva Series, Bonn,
2000.
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